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Österreich

Straße gesperrt: Gemeinde umgeht Apotheke

Berlin - Verkehrte Welt: Im österreichischen Mooskirchen bei Graz wird eine Straße aufgegeben, um den Weg zur nächsten Apotheke künstlich zu verlängern. Ziel der Aktion ist es, dem neuen Allgemeinmediziner im Ort die Abgabe von Arzneimittel zu ermöglichen. Dies hatte er als Bedingung für die Niederlassung in der Gemeinde gestellt.

Eigentlich dürfen Ärzte in Österreich nur dann Arzneimittel abgeben, wenn auf diese Weise die Versorgung in ländlichen Gebieten gesichert wird. Für die Ärzte ist die sogenannte Hausapotheke aber auch ein lukratives Geschäft – und ein wichtiges Argument bei der Niederlassung, wie das Beispiel Mooskirchen zeigt.

Schon der „alte“ Arzt, Dr. Gustav Schwarz, hatte eine Hausapotheke. Er hatte sich 2002 in Mooskirchen niedergelassen und war 2014 überraschend verstorben. Ein Übergangsarzt übernahm die Praxis bis Ende 2014. Seitdem gab es in der Gemeine Mooskirchen keinen Arzt mehr – bis Dr. Oliver Walsberger die Ordination übernahm.

Auch er wollte Arzneimittel abgeben: „Die Gemeinde ist interessiert an einer Hausapotheke und ich bin es auch, weil eine Landarztpraxis nur mit Hausapotheke wirtschaftlich interessant ist“, sagte Walsberger der „Kleinen Zeitung“. Allerdings hatte sich inzwischen die Gesetzeslage geändert. Damit ein Arzt eine Hausapotheke betreiben darf, muss die nächste Apotheke mehr als sechs Kilometer entfernt sein.

Um dennoch in den Genuss kommen zu können, selbst Arzneimittel abgeben zu dürfen, bezog Walsberger nicht die alten Praxisräume. Diese lagen zu nah an der Damian-Apotheke im benachbarten Lieboch. Stattdessen ließ er sich weiter entfernt in der Alten Poststraße nieder – in einem Container, wie Apotheker Sebastian Dams berichtet. Nebenan wird das neue Ärztezentrum gebaut.

Allerdings reichte das nicht aus. Die zuständige Behörde stellte der „Kleinen Zeitung“ zufolge fest, dass die Praxis einige Meter zu nah an der Apotheke liegt. „Dabei geht es um nicht einmal 100 Meter“, sagte Bürgermeister Engelbert Huber der Zeitung.

Um dem neu gewonnenen Arzt trotzdem die Hausapotheke zu ermöglichen, hat sich die Gemeinde nun eines Kniffs bedient: Die Grießstraße, die auf direktem Weg zwischen der Damian-Apotheke und der Praxis liegt, wurde in Privateigentum umgewandelt – und fließt damit nicht mehr in die Berechnung der Wegstrecke ein.

Huber begründet diese Entscheidung mit der Verkehrssicherheit: Die Grießstraße habe bis vor einigen Jahren ausschließlich als Zufahrt zu landwirtschaftlich genutzten Grundstücken gedient und weise eine geringe Fahrbahnbreite auf. Sie führe über zwei ungesicherte Bahnübergänge und im Sommer, wenn Mais angebaut werde, sei die Sicht stark eingeschränkt. Nun benutze man zur jeder Jahreszeit eine höherrangige Landes- und Bundesstraße. Damit sei der neue Weg aus seiner Sicht deutlich sicherer.

Die Umwandlung hat aber auch den Nebeneffekt, dass die Strecke zwischen Praxis und Apotheke auf mehr als sechs Kilometer gestiegen ist. Damit rückt die Hausapotheke für Walsberger in den Bereich des Möglichen.

Die Entscheidung der Gemeinde, die Straße aufzugeben, kann Apotheker Dams nicht nachvollziehen – immerhin versorge der Arzt in Mooskirchen 2000 bis 3000 Patienten. Das Argument, davon könne man nicht leben, hält der Apotheker für „Unsinn“. Sollte Walsberger tatsächlich die Erlaubnis für eine Hausapotheke erhalten, will Dams dagegen vorgehen. Nicht, weil er Mooskirchen keinen Arzt gönnt, sondern weil ihn stört, wie die Stadt erpresst und Regelungen umgangen wurden. „Dreist“ findet es Dams, dass sich Walsberger und Huber in den Medien mit der Umgehung der Rechtslage brüsten.

Aus Sicht des Apothekers hätte es auch andere Anwärter für die Ordination gegeben, die nicht auf einer Hausapotheke bestanden hätten. Dass ihm selbst Umsätze entgehen, sei nicht der springende Punkt, betont Dams. Schon Schwarz habe eine Hausapotheke gehabt und Patienten mit Arzneimitteln versorgt.

Das ist aus Sicht von Bürgermeister Huber ohnehin die beste Lösung: Die Versorgung der Bevölkerung mit Medikamenten aus der ärztlichen Hausapotheke sei für Bewohner von Landgemeinden die bestmögliche überhaupt. „Ein Weg und alles in kurzer Zeit positiv erledigt; mit Arztbesuch oder bei Hausbesuch des Arztes“, so Huber. „Von Umweltbelastung, Zeitaufwand und ähnlichem abgesehen.“

Er verteidigt die Entscheidung: „Vielen Bevölkerungsschichten ist die Erreichbarkeit einer öffentlichen Apotheke nicht möglich, weil eine eigene Fahrgelegenheit nicht gegeben beziehungsweise eine öffentliche Verkehrsverbindung zu keiner Tageszeit vorhanden ist.“

Immer wieder sprechen sich Ärzte für eine Ausweitung der Hausapotheken-Regelung aus. Zuletzt hatte der Präsident der niederösterreichischen Ärztekammer, Dr. Christoph Reisner, eine Liberalisierung gefordert: „Freie Niederlassung für öffentliche Apotheken und freie Entscheidung jedes Arztes, ob er Medikamente abgeben will.“

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