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Plattform für regionalen Versandhandel

„10.000 Apotheker sind stärker als Amazon“

Berlin - Über kurz oder lang wird der Internetriese Amazon auch den Apotheken- und Arzneimittelmarkt aufrollen. Darüber waren sich die Experten bei VISION.A einig. In Nürnberg stemmt sich Apotheker Ralf König mit seiner Idee dagegen: „Gemeinsam sind wir schneller als Amazon. 10.000 Fische sind stärker als der erste Hai.“ Auf seiner regional ausgerichteten Lieferplattform „Curacado“ will er die Power möglichst vieler Apotheken bündeln und gegen die Übermacht Amazon antreten.

Ein mehrmonatiger Aufenthalt in Großbritannien hat König die Augen geöffnet: „Dort wird alles nach Hause geliefert. Der Lieferservice hat dort ganz andere Dimensionen.“ Dann stellte eine wenig frequentierte REWE-Filiale in der Nähe seiner Nürnberger Königs-Apotheke auf Lieferservice um. Seitdem brummt das Geschäft.

Als dann auch noch Amazon in München mit der Bienen-Apotheke den Testlauf für den Express-Lieferservice Prime Now startete, hat es bei König endgültig gezündet: Eine Probebestellung dort wurde nach 58 Minuten geliefert. Am 12. Mai 2017 wurde um 11.29 Uhr eine Bestellung von Amazon aufgenommen und um 12.28 ausgeliefert. Seitdem ist König eines klar geworden: „Nicht der Preis ist das Hauptargument für die Bestellung über den Versand. Es ist die Bequemlichkeit. Darauf müssen wir Apotheker eine Antwort finden.“

Ein Blick in die Statistik hat König in seinem Anliegen bestätigt: Der Online-OTC-Handel hat inzwischen mit über 17 Prozent von mehr als 10 Milliarden Euro Umsatz seinen festen Platz gefunden – mit kontinuierlich steigender Tendenz. Kauften 2012 „nur“ 30 Prozent aller Internetnutzer auch Arzneimittel online, so sind es 2016 bereits 55 Prozent – und der Anteil der Online-Käufer über 55 Jahre steigt rasant. Mehr noch: Kauften Online-Kunden 2004 noch knapp 80 Prozent ihres Bedarfs in Vor-Ort-Apotheken sind dies heute nur noch 37 Prozent. Und der Warenkorb der 70+ Kunden liegt bei Online-Bestellungen über 80 Euro – „gigantisch“, wie König findet. Mit diesen Zahlen kann er in seiner Apotheke nicht mithalten.

„Mein Vater hat schon vor 30 Jahren Arzneimittel ausgeliefert“, erzählt König, der vier Apotheken im Nürnberger Raum in dritter Generation führt. „Unser Fehler ist, dass wir immer nur Arzneimitteldefekte ausgeliefert haben. Warum haben wir unsere Kunden nicht gefragt, was wir sonst noch nach Hause liefern dürfen?“

Am 25. Juli 2017 hat König als Konsequenz aus allen Überlegungen „Curacado“ gegründet – sein Grundstein für einen bundesweiten, aber regional organisierten Versandhandel aus den Vor-Ort-Apotheken heraus. Abgeleitet hat König den Kunstnamen Curacado aus Curare für Heilen und Mercado für Markt.

„Ich war noch nie im Silicon Valley, ich weiß auch nicht, was ich dort soll“, sagt König, „aber ich weiß, was bei uns Apotheken zählt: Der Faktor Mensch ist unser großes Plus.“ Von Angstszenarien vor Amazon & Co. will König daher nichts wissen und hören. „Wir können mithalten, aber wir müssen aktiv werden.“ In ihren Betriebsabläufen seien die meisten Apotheken längst digitalisiert, auf der Höhe der Zeit, aber: „Nach außen, in Richtung unserer Kunden sind wir nicht digital unterwegs.“

Das soll sich mit Curacado ändern: Für 149 Euro monatlich können sich Apotheken hier einen professionell aufgemachten Online-Shop mieten und unter der eigenen Internetdomain betreiben. Dieser ähnelt von Aufbau und Ablauf dem großen Vorbild Amazon. Wer etwas in den Warenkorb legt, kann auswählen, ob er das Produkt in der Apotheke abholen oder sich liefern lassen will. Per Mausklick kann via PayPal, Kreditkarte oder Sofortüberweisung gezahlt werden.

Verbunden ist Curacado per MSV3-Schnittstelle mit den Arzneimittelgroßhändlern: So werden nur die für die jeweilige Apotheke vorrätigen Artikel im Shop angezeigt und die UVP eingepflegt. Jeder Apotheker kann dann seine eigenen Preise eintragen. Auch den Versand muss jede Apotheke zunächst in Eigenregie organisieren – per Botendienst. „Wir machen doch seit 50 Jahren „Same-Day-Delivery“, so König. Inzwischen haben sich König 40 Apotheken angeschlossen.

Dabei soll es aber nicht bleiben. König strebt Kooperationen mit Lebensmittel-Lieferdiensten wie Lieferando an. „Die sind mittags und abends ausgelastet, aber dazwischen können sie auch Arzneimittel ausliefern. Die werden ja nicht kalt“, sagt König: „Wir Apotheken verfügen über knapp 20.000 Lager bundesweit. Da kann Amazon nicht mithalten“, ist der Apotheker von seiner kaufmännischen „Schwarm-Theorie“ überzeugt. „Wir Apotheker lassen uns doch von Amazon nicht die Butter vom Brot nehmen“, will König seine Kollegen aufrütteln.

Wie das funktionieren kann, praktiziert König mit seinem eigenen Online-Shop: „Ich lege jeder Lieferung die Apotheken-Umschau bei. Wer liefert sonst die Umschau nach Hause?“ So könnten Apotheken ihre Identität erhalten. Rezepte können die Kunden seiner Apotheken über die eigenen App per Foto schicken. So wird der ab Mai verschärfte Datenschutz eingehalten – eine Alternative zu WhatsApp. Zusätzlich holt König die Rezepte auch direkt zu Hause ab.

Demnächst soll neben Curacado als technisches Tool ein „Master-Shop“ für den regionalen Onlinehandel aus den Apotheken gegründet werden. Per Postleitzahl werden die Kunden darüber an die teilnehmenden Vor-Ort-Apotheken weitergeleitet. Den Namen will König noch nicht verraten, aber klar ist: Der „Master-Shop“ soll als gemeinsame Werbeplattform bekannt gemacht werden. „Ich will etwas aufbauen, dass Amazon den Weg versperrt“, so König.

Noch einen Rat hat König für alle Apotheker parat: „Damit das funktioniert, müssen alle ihre Teams bei der Digitalisierung mitnehmen.“ Es gehe ja nicht darum, die Kundschaft aus den Apotheken ins Internet zu vertreiben – im Gegenteil: „Wir holen die Kunden im Internet ab, bevor sie woanders landen und uns verloren gehen.“

In Nürnberg führt König in dritter Generation vier Apotheken: 1952 gründete Großvater Fritz König die Spitzweg Apotheke. Durch eine Krankheit gezwungen, übergab Fritz König die Apotheke 1968 an seinen Sohn Hanno. Hanno König baut die Spitzweg Apotheke weiter aus und verlegt den Standort in die heutigen Räume in der Löwenberger Straße 16. Er war nach eigenen Angaben der erste Apotheker in Nürnberg, der seinen Kunden einen Lieferservice anbot.

Nach seinem Pharmaziestudium in Erlangen und Betriebswirtschaftsstudium in Bayreuth kommt 1996 Sohn Ralf mit in das Unternehmen. 1999 übergibt Hanno König die Apotheke an seinen Sohn. Die Apotheke wird umgebaut und modernisiert. Mit neuen innovativen Ideen wurde die Apotheke zu einem Dienstleistungsunternehmen. Heute arbeiten mehr als 80 Mitarbeiten in den vier Apotheken.

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