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Personalmangel und Überalterung

Das große Apothekensterben – kommt erst noch

Berlin - In den neuen Bundesländern ist die Zahl der Apotheken in den vergangenen zehn Jahren weniger stark gesunken als im alten Bundesgebiet. Doch zwischen Ostsee und Erzgebirge macht man sich keine Illusionen: Fachkräftemangel, Überalterung und demografische Entwicklung werden für drastische Einschnitte sorgen.

Erste Station: Sachsen. Hier gab es in den vergangenen Jahren zahlreiche Schließungen, wenn der Rückgang auch weniger ausgeprägt war als in den alten Bundesländern. „Das wird sich auf niedrigem Niveau auch in den nächsten Jahren fortsetzen“, prophezeit der Geschäftsführer der Sächsischen Landesapothekenkammer (SLAK), Frank Bendas. Er führt den jetzigen Rückgang unter anderem auf den schärfer gewordenen Wettbewerb vor allem in den größeren Städten zurück. In den ländlichen Regionen wiederum suchten manche Inhaber, die in den Ruhestand gehen wollten, vergeblich nach einem Nachfolger.

Das sächsische Gesundheitsministerium sieht die flächendeckende Versorgung mit Apotheken als gesichert. Die Apothekenschließungen der vergangenen Jahre hätten vor allem in den größeren Städten stattgefunden. Eine Unterversorgung sei nicht sichtbar und werde auch nicht erwartet. „Die Versorgung mit Apotheken ist gut“, sagt Ministerin Barbara Klepsch (CDU).

Verbandschef Thomas Dittrich glaubt, dass sich die meisten Apotheken in Sachsen halten werden, schon weil im Land überdurchschnittlich viele ältere Menschen lebten, die mit Arzneimitteln versorgt werden müssten. Allerdings: „Sollte sich die wirtschaftliche Situation der Apotheken wegen des ungleichen Wettbewerbs mit dem ausländischen Versandhandel verschlechtern, wird das Versorgungsnetz leiden“, sagt er. Bei den frei verkäuflichen Arzneimitteln habe der Versandhandel schon jetzt einen nicht unerheblichen Marktanteil, was zu Umsatzverlusten geführt habe. Es werde beobachtet, dass Patienten zwar gern die Beratung in den Apotheken in Anspruch nähmen, das Medikament dann aber wegen der gewährten Boni und Rabatte beim günstigeren ausländischen Versandhändler bestellten.

Zudem sieht man auch beim Apothekerverband Nachwuchsprobleme. „Jungen Approbierten erscheint die Übernahme einer Hauptapotheke oft als ein wirtschaftlich zu hohes Risiko“, sagt Dittrich. Zudem seien die von der pharmazeutischen Industrie oder den öffentlichen Einrichtungen gezahlten Gehälter noch etwas lukrativer.

Ähnliche Schilderungen kommen aus Mecklenburg-Vorpommern. Dort warnt der Apothekerverband vor Versorgungslücken auf dem Land: „Es gibt Zonen in unserem Land, wo die Wege zur nächsten Apotheke schon jetzt sehr lang sind, etwa im Südosten“, sagt Vorstand Thomas Müller. Gründe seien Personalmangel und Schwierigkeiten bei der Suche nach Nachfolgern für Apotheker, die sich zur Ruhe setzen. Wenn die Pharmazieingenieure aus der ehemaligen DDR in Rente gingen, gebe es ein großes Problem, so Müller weiter. „Wenn die Pharmazieingenieure weg sind, sitzen viele Kollegen ohne Urlaub da.“ Denn eine Apotheke darf nur öffnen, wenn ein approbierter Apotheker anwesend ist – oder eben ein Pharmazieingenieur. In kleinen Apotheken sei der Inhaber aber oft der einzige mit Approbation. „Ich kenne genug Kollegen, die suchen verzweifelt einen zweiten oder dritten Apotheker.“

Ob es gelingt, genügend junge Menschen zur Übernahme von Landapotheken mit oft nicht allzu üppigem Umsatz zu überzeugen, steht nach seinen Worten in den Sternen. Ein Kredit in Höhe von mehreren hunderttausend Euro müsse für eine Übernahme in der Regel aufgenommen werden. „Selbst bei einer kleinen Apotheke ist schon das Warenlager mindestens 70.000 Euro wert.“ Und dann warteten 50- bis 60-Stunden-Wochen auf den Übernehmer. Auch dazu sei nicht jeder junge Mensch bereit.

Noch gibt es in Mecklenburg-Vorpommern nach Müllers Worten 397 Apotheken – vor fünf Jahren seien es noch 412 gewesen. Statistisch gesehen komme eine Apotheke auf 4000 Menschen. Bundesweit betrage dieses Verhältnis eins zu 4166. „Da sind wir gut“, sagte Müller. Doch es gebe Unterschiede zwischen Stadt und Land. Es gebe einen Richtwert für die maximale Entfernung einer Notdienst-Apotheke vom Wohnort eines Patienten: 20 bis 25 Straßenkilometer. „In einigen Gegenden ist das ein echtes Problem.“

Müller bedauert, dass es bei den Werbekampagnen um Nachwuchs im Gesundheitsbereich nur um Ärzte gehe, nicht aber um Apotheker. Bislang gebe es auch keine Vorschrift für eine flächendeckende Versorgung mit Apotheken. „Obwohl es jeder haben will, hat sich noch niemand einen Kopf darum gemacht.“

Das Gesundheitsministerium in Schwerin sieht bei Versorgungsengpässen zunächst den Bundesgesetzgeber in der Pflicht, die Notwendigkeit einer stärkeren Reglementierung zu prüfen, teilt die Pressestelle von Minister Harry Glawe (CDU) mit. Allerdings: Auch wenn die Zahl der Apotheken leicht rückläufig sei, habe das Ministerium bislang keine Meldungen erhalten, dass es Lücken bei der Versorgung mit Arzneimitteln im Land gebe. Auch der gesundheitspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Sebastian Ehlers, befürchtet im Moment keine Versorgungslücke. „Allerdings schleicht sich mit dem Apotheken-Versandhandel ein Konkurrent mit deutlichen Zuwachsraten nach oben ein.“ Damit wachse insbesondere der Druck auf Apotheken im ländlichen Raum. Ihre Wettbewerbsfähigkeit müsse deswegen vor allem gegenüber dem Versand aus dem Ausland gestärkt werden, forderte der Politiker.

Da gibt Verbandsvorstand Müller wiederum vorläufige Entwarnung. Die Internet-Apotheken hätten sich in Mecklenburg-Vorpommern bisher nicht als wirkliche Konkurrenz erwiesen. „Viele unserer Kunden, oft sind es ja Ältere, sind daran interessiert, sich schnell etwas zu holen und sich auch einmal zu unterhalten. Die Sozialkontakte sind nicht zu unterschätzen.“ Das sieht auch der SPD-Gesundheitspolitiker Jörg Heydorn so: „Die Apotheken im Land versorgen die Menschen nicht nur mit lebensnotwendigen Medikamenten, sondern auch mit hervorragender Beratung und Unterstützung.“ Gerade im ländlichen Raum seien das wichtige Anlaufstellen für die Menschen. Dieses gut funktionierende Apothekennetz gelte es flächendeckend zu erhalten.

In zahlreichen kleinen Gemeinden Thüringens ersetzen Rezeptsammelstellen die vor Ort fehlende Apotheke. Nach Angaben der Landesapothekerkammer sind derzeit 79 solcher Briefkästen in Betrieb. In abgelegenen Regionen würden so Versorgungslücken für auf Medikamente angewiesene Menschen geschlossen, sagte Geschäftsführer Danny Neidel. Nach seinen Angaben haben in den vergangenen zehn Jahren zehn Thüringer Kommunen die einzige Apotheke am Ort verloren.

Unter anderem in Ziegenrück (Saale-Orla-Kreis), Großfahner (Landkreis Gotha) und Kirchheilingen (Eichsfeldkreis) fanden sich keine Nachfolger für die Übernahme der bislang dort existierenden Apotheken. „Natürlich wäre eine Apotheke vor Ort besser, aber wenn das nicht möglich ist, ist eine Rezeptsammelstelle besser als gar keine Versorgung“, so Neidel. Die Sammelbriefkästen werden von Apotheken größerer Orte betreut. Deren Angestellte leeren die Briefkästen täglich, prüfen die Rezepte und liefern die Arzneien in der Regel noch am selben Tag direkt bei den Patienten ab.

Ziegenrück wird jetzt von der Rosen-Apotheke im rund 15 Kilometer entfernten Pößneck (beide Saale-Orla-Kreis) mit versorgt. Sie hat in dem 600-Einwohner-Ort eine Rezeptsammelstelle eingerichtet. Der Briefkasten für die Rezepte befinde sich an einem Gebäude, das auch eine Arztpraxis beherberge und so für Patienten gut erreichbar sei, erläutert Inhaber Ralf Klitzpera. In anderen Orten sind die Rezeptbriefkästen laut Kammer beispielsweise auch an Gemeinderäumen angebracht. „Vor allem ältere, weniger mobile Menschen oder Alleinlebende nutzen das Angebot“, sagt Klitzpera. Täglich mindestens einmal, an drei Wochentagen sogar zweimal steuert sein Personal Ziegenrück an, um den Briefkasten zu leeren und Medikamente auszuliefern. Für die Patienten habe das den Vorteil, dass ihnen ein persönlicher Ansprechpartner zur Verfügung stehe, meint Klitzpera.

Aus Apothekersicht funktioniert das Prinzip Rezeptsammelstelle besser als die von der Branche seit Jahren kritisch beäugten Online-Apotheken. Die Medikamente kämen in der Regel noch am selben Tag zu ihrem Empfänger, so Neidel. „Das heißt, die Sammelstellen sind schneller als Internetportale.“ Zudem kämen empfindliche Medikamente auch sicherer an, meint Stefan Fink, der Vorsitzende des Thüringer Apothekerverbandes. „Insulin für Diabetiker zum Beispiel muss im Sommer beim Transport gekühlt werden. Doch im Versandhandel ist das nicht sichergestellt.“ Es gebe keine entsprechenden Auflagen für die Versandhändler.

Der Verband rechnet damit, dass die Zahl der Rezeptsammelstellen in Thüringen in Zukunft steigen könnte. „Wenn in weiteren Orten die einzige Apotheke schließt, wird das wohl passieren“, so Fink. Bereits jetzt sei der jahrelange Boom bei der Gründung von Apothekenzweigstellen in Thüringen abgeflaut. Dies sei vor allem im ländlichen Raum eine Frage der Wirtschaftlichkeit. „Eine Apotheke braucht ein Einzugsgebiet mit rund 4000 Einwohnern.“ Zudem würden für die Filialleitung approbierte Apotheker und zusätzliches pharmazeutisches Personal benötigt. „Hier aber steuern wir auf ein Riesenproblem zu“, warnt Fink und verweist ebenfalls auf die bald aus dem Berufsleben ausscheidenden Pharmazieingenieure: Viele von ihnen stünden jetzt kurz vor dem Rentenalter, so Fink. „Um sie zu ersetzen, brauchen wir mehr Apotheker.“

Auch in Sachsen-Anhalt kennt Kammerpräsident Jens-Andreas Münch das Problem, dass junge Kollegen zunehmend das Risiko der Selbstständigkeit scheuen. Er sehe dafür verschiedene Ursachen. „Die wirtschaftliche Perspektive ist momentan schwer abschätzbar, unter anderem wegen der Konkurrenz durch Versandapotheken. Das macht uns doch ganz schön zu schaffen.“ Hinzu komme die demografische Entwicklung, vor allem in ländlichen Gebieten. Auch die Work-Life-Balance spiele gerade für Jüngere eine immer wichtigere Rolle. Viele wechselten in Tätigkeitsgebiete außerhalb der Apotheke und ließen sich zum Beispiel mit gut bezahlten Jobs in die Industrie locken.

Bei den derzeitigen Rahmenbedingungen erwartet Münch auch einen deutlichen Anstieg des Versandhandels im Rx-Bereich. „Die deutschen Apotheken machen über 80 Prozent ihres Umsatzes mit Rezepten. Diese wandern zunehmend zu den Versandapotheken.“ Münch kritisierte, dass der Gesundheitsschutz auf der Strecke bleibe, wenn Patienten durch finanzielle Anreize der Versender auf den persönlichen Apothekenbesuch verzichten.

„Anders als die Apotheke vor Ort müssen ausländische Versandhandelskonzerne keine persönliche Beratung anbieten, Notdienste leisten, individuelle Rezepturen herstellen oder bestimmte Arzneimittel für den Notfall ständig bereit halten“, sagte Münch. Auch an die weiteren strengen Anforderungen des deutschen Gesetzgebers zu den Räumen und dem Personal einer Apotheke müssten sie sich nicht halten. „Ob Notdienst, individuelle Rezeptur, Notfallarzneimittel oder dringendes Antibiotikum, und alles mit persönlicher Beratung – fast jeder benötigt solche Leistungen irgendwann.“ Es sei gut, wenn dann eine Apotheke vor Ort helfen könne.

In Brandenburg ist die Zahl der Apotheken zwar in den vergangenen zehn Jahren konstant geblieben. Doch auch dort macht der Fachkräftemangel dem Berufsstand große Sorgen: „Rund 30 Prozent der Kollegen in den Apotheken erreichen in den nächsten zehn Jahren das Rentenalter“, sagte der Sprecher des Landesapothekerverbands, Mathias Braband-Trabandt. Vielerorts sei es schwierig, Nachfolger zu finden. Das liegt nach Ansicht des Verbandes auch an zu wenig verfügbaren Studienplätzen im Bereich der Pharmazie. „Eine Möglichkeit, dem zu begegnen, wäre ein Pharmaziestudium in Brandenburg, um entsprechend für Nachwuchs zu sorgen“, sagte Braband-Trabandt.

Doch nicht nur studierte Pharmazeuten rücken zu wenig nach, auch ausgebildetes Fachpersonal wie PTA und PKA sind „Goldstaub“ in der Branche, wie Bernd Viesteg sagte. Er betreibt seit 20 Jahren die Löwen Apotheke in Wittstock (Ostprignitz-Ruppin). Dort hat sich in den vergangenen Jahren in Sachen Apothekenanzahl nicht viel getan. „Schwieriger dürfte es in zehn Jahren aussehen“, sagte er. Dann sei auch er in Rente. Zumindest habe er aber schon eine Idee, wer sein Nachfolger werden könnte. Viestegs gut 200 Kunden halten dem Apotheker schon seit Jahren die Treue. In der Apotheke erhalten sie kostenlose Beratung zu rezeptpflichtiger aber auch rezeptfreier Arznei. „Die öffentlichen Apotheken spielen eine wichtige, gesellschaftlich und politisch anerkannte und legitimierte Rolle in der Prävention“, betonte Braband-Trabandt. Doch auch er hat schon die Erfahrung gemacht, dass Kunden teure Ware wie Enzympräparate lieber online, statt bei ihm kauften.

Den Aspekt der oftmals langen Wege, gerade in der Ostprignitz, kennt auch Bernd Viesteg. „Auf unseren Lieferdienst können wir nicht mehr verzichten“, sagte er. Angefahren würden Orte in einem Radius von rund 25 Kilometern – ohne Zusatzkosten für den Kunden. Beim Versandhandel bezweifelt der Apotheker jedoch, dass dieser spezielle Rezepturen zusammenmischen würde. Im Übrigen leisteten die stationären Apotheken einen 24-Stunden-Notdienst für die Kunden. Damit die Apotheken im Land auch künftig gut aufgestellt sind, sollten sie laut Apothekerverband auf eine stärkere Kooperation mit Medizinern setzen. Auch sei eine moderne Kommunikation und digitaler Datenaustausch nötig. „Die Krankenkassenkarte als Datenträger wäre dabei ein interessanter Schritt nach vorn“, sagte auch Viesteg.

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