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Zyto-Pfusch

Morddrohungen gegen Apothekenmitarbeiter

Berlin - Wie fühlt es sich an, angestellt in der Apotheke des mutmaßlichen Zyto-Pfuschers Peter S. zu sein? Laut einem Bericht der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) belasten die Vorwürfe gegen den ehemaligen Chef die Mitarbeiter erheblich: Beschimpfungen und Bedrohungen seien keine Seltenheit. Derweil haben Journalisten einen Hilfsfonds für die beiden Whistleblower aufgelegt. Und die Opfer sind erneut auf die Straße gegangen.

Die WAZ stellt in ihrem Beitrag eine Approbierte vor, die in der Alten Apotheke den Notdienst übernommen hat. „Ich sage Ihnen, das ist so schon ein Scheißgefühl. Aber jetzt hat man einfach Angst“, wird die Apothekerin zitiert. Der Grund seien die Drohungen: Viel Zorn habe sich auf die Beschäftigten entladen, nachdem der Inhaber Ende 2016 festgenommen und die Vorwürfe veröffentlicht worden seien.

„Ich kam an dem Tag zur Arbeit, da kam mir ein Kollege entgegen, der war grün im Gesicht. Ich habe ihn gegrüßt, er hat nicht reagiert“, so die Apothekerin. Die nächste Zeit sei geprägt gewesen von „Beschimpfungen und Bedrohungen: Ich komm’ und knall’ euch alle ab!“ Kollegen hätten geweint nach solchen Anrufen. Vorübergehend seien in der Apotheke vor der Annahme von Telefonaten die Nummern von Anrufern aus dem Display abgeschrieben worden, um im Fall des bedrohlichen Falles irgendetwas in der Hand zu haben.

80 bis 90 Mitarbeiter leiden laut Bericht unter dem Gerücht, sie hätten gewusst, geahnt, getuschelt – und geschwiegen, lieber weggeguckt. Das sei „die Aburteilung und Verurteilung von Menschen, die nach bestem Wissen und Gewissen ihrem Broterwerb nachgehen“, zitiert die WAZ die Apothekerin. „Ich vermute, keiner hat etwas gewusst. Für die Mitarbeiter, die mir am nächsten stehen, kann ich garantieren.“

„Sogar die kleinsten Angestellten sind beschimpft worden, die nicht das kleinste bisschen zu tun haben mit der Arbeit im Labor“, so die Apothekerin. S. habe allein im Labor gearbeitet und die Medikamente hergestellt. „Da musste auch niemand weggucken, weil man gar nicht hingucken konnte.“

Auch bei der Demo der Opferangehörigen am gestrigen Mittwoch standen laut WAZ an der Eingangstür der Apotheke, beschimpften Mitarbeiter und Kunden. Ordner und Polizisten hätten die Lage rasch beruhigt. Es war das zweite Mal, dass Menschen in Bottrop wegen der Panschereien in der Apotheke auf die Straße gingen. Sechs Männer trugen einen Sarg durch die Fußgängerzone – dekoriert mit einem Blumengesteck und zahlreichen Infusionsbeuteln.

An der Cyriakuskirche stellten die Angehörige Kerzen auf oder hefteten Fotos der Opfer an eine Stellwand. Gut 300 Menschen waren laut Bericht unterwegs, darunter auch Oberbürgermeister Bernd Tischler und Sozialdezernent Willi Loeven. Ihr Fehlen war laut WAZ beim ersten Mal kritisiert worden.

Neben einer lückenlosen Aufklärung fordern die Angehörigen eine Fallkontrollstudie und Schadenersatz für alle Opfer. Außerdem müsse die Kontrolle von Zytoapotheken verbessert werden. „Warum schafft nicht eine bundesweite Stelle, die sich ganz darauf konzentriert“, so Hans-Jürgen Fischer, der für die Betroffenen im Gesundheitsausschuss hatte reden dürfen.

Das Journalistennetzwerk Correctiv sammelt derweil Geld für Marie Klein und Martin Porwoll. Die PTA und der kaufmännische Leiter hätten einen Fall aufgedeckt, der monströser kaum sein könne, so Geschäftsführer David Schraven. Der Vorfall sei nur öffentlich geworden, weil die beiden Whistleblower ihn zur Anzeige gebracht und bekannt gemacht hätten, weil sie Beweise geliefert hätten. Sie hätten dazu geführt, dass diese Praxis beendet und dass der Apotheker inhaftiert wurde.

Doch dafür hätten sie einen hohen Preis bezahlt: Sie hätten sofort ihren Job verloren und würde jetzt juristisch attackiert, so Schraven. „Anwälte wollen ihnen einen Maulkorb verpassen. Um sich juristisch wehren zu können, brauchen sie unsere Unterstützung. Sie brauchen Geld.“ Das sammele man gerade per Crowdfunding. „Helfen Sie uns, den Whistleblowern zu helfen.“

Laut Schraven will eine Kanzlei im Auftrag von 18 Mitarbeitern Porwoll die Aussage verbieten lassen, dass die Panschereien von Peter S. ein offenes Geheimnis in der Alten Apotheke gewesen seien. Bei dieser Forderung bezieht sich die Kanzlei auf ein Interview, dass Porwoll der WAZ gegeben hatte. Eine Klage könnte seiner Meinung nach aber zum Bumerang werden: Vor Gericht könnte Porwoll laut Schraven in einem Zivilverfahren die Mitarbeiter auffordern, als Zeugen auszusagen. Dann wären sie zur Wahrheit verpflichtet und ihre Aussagen der Mitarbeiter könnten in weiteren Strafverfahren genutzt werden.

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