Apothekenübernahme

„Apotheker haben Luxusprobleme“

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Berlin -

Vor fünf Jahren hat Oliver Bunde seine Bahnhofs-Apotheke in Torgau verkauft, um mit seinem Unternehmen Berryline durchzustarten. Nach anfänglichen Erfolgen erwies sich das Geschäft mit gesunden Knabbermischungen als zäh. Außerdem stieg mit den Jahren wieder die Sehnsucht nach Kunden und Beratung. Anfang 2018 kehrte Bunde hinter den HV-Tisch zurück und übernahm die Johann-Friedrich-Böttger-Apotheke in seiner Heimatstadt Wittenberg.

Weil ihm Rosinen im Studentenfutter nicht schmeckten, hatte Bunde seine eigenen Snacks entwickelt. Die Nussmischungen kamen so gut an, dass der Pharmazeut 2010 die Firma Berryline gründete. Gleichzeitig wuchs der Ärger über die Gesundheitspolitik und vermieste ihm auch die Arbeit in seiner Bahnhofs-Apotheke, die er nach dem Studium gegründet hatte und zu dem Zeitpunkt bereits seit 18 Jahren führte.

„Es war mir einfach zu viel: der Druck der Politik und der ständige Kampf mit den Krankenkassen. Da habe ich irgendwann die Reißleine gezogen und mich aus dem Apothekengeschäft zurückgezogen“, erinnert sich Bunde. Kurzerhand übergab er seine Apotheke Ende 2012 an seine langjährige Mitarbeiterin Marit Höcke, die bei ihm ursprünglich als PTA begonnen hatte, und tauschte Aspirin-Tabletten gegen blanchierte Mandeln und schwarze Johannisbeeren.

In den ersten zwei Jahren hat sich das Unternehmen laut Bunde sehr gut entwickelt. „Da waren wir noch apothekenexklusiv und konnten uns über tolle Steigerungsraten freuen“, berichtet der Apotheker „Das war ein Markt, in dem ich mich auskenne.“ Nach einem Streit um die Rechte am Logo der Mischung, in dem Bunde am Ende unterlag, musste das Markenzeichen geändert werden. Etwa zur gleichen Zeit hatte man beschlossen, die Apothekenexklusivität aufzugeben und sich breiter aufzustellen. „Das war der Zeitpunkt, wo es immer komplizierter wurde“, so der Pharmazeut. „Die Akzeptanz in den Apotheken ging aufgrund des neuen Erscheinungsbildes zurück. Gleichzeitig wuchs die Zahl der Konkurrenten.“

Aus heutiger Sicht, analysiert der Apotheker, hätten ihm die notwendigen Beziehungen in der Branche gefehlt. „In den Apotheken kannte ich mich aus und wusste, worauf es ankommt“, so Bunde. Für den breiten Markt war es allerdings nicht der Fall. „So dachte ich mir irgendwann einmal, Schuster bleibe bei deinen Leisten“, erzählt er weiter. Deshalb habe er das Unternehmen an einen Angestellten verkauft und angefangen, sich nach einer Apotheke umzuschauen. Denn inzwischen stieg auch die Sehnsucht nach Kunden und Beratung.

2017 kam es dann zu einer glücklichen Fügung: „Während eines Gespräches mit meinem Steuerberater über meine Pläne, eine Apotheke zu übernehmen, klingelte mein Telefon und Heinrich Menz meldete sich am anderen Ende“, beschreibt der 53-Jährige diesen schicksalhaften Moment. „Er fragte, ob ich seine Johann-Friedrich-Böttger-Apotheke übernehmen wolle.“ Der 78-Jährige habe sich erinnert, dass Bunde einige Zeit zuvor Interesse bekundet hatte, und machte ein Angebot, das der Apotheker nicht ablehnen konnte.

Für ihn repräsentiert die Apotheke in seiner Heimatstadt Wittenberg Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Denn genau an diesem Standort sammelte er 1992/93 seine ersten Praxiserfahrungen unter den wachsamen Augen seines Vorgängers und damaligen „Ziehvaters“. Nun ist Bunde glücklich, nach über 20 Jahren in seine alte Heimat zurückzukehren.

Einige Team-Mitglieder kennt der Apotheker noch aus seiner Zeit als PhiP. Auch mit der Lage der Apotheke ist Bunde höchst zufrieden. Zwar liege diese in einem Wohngebiet und habe dadurch nur wenig Laufkundschaft. Dafür befindet sich die Apotheke in einem Ärztehaus mit insgesamt fünf Ärzten. Auch die wirtschaftliche Situation der Stadt beurteilt Bunde positiv. „Im Gegensatz zu vielen anderen Kleinstädten hat sich Wittenberg sehr positiv in den vergangenen Jahren entwickelt“, sagt er. Das alles sei eine gute Grundlage für den Erfolg der Apotheke.

Als erste Maßnahme wurde das Softwaresystem umgestellt. „Die alten Verträge sind ohnehin ausgelaufen, daher habe ich die Gelegenheit ergriffen, auf eine Software zu wechseln, die ich lange Jahre in meiner Bahnhofs-Apotheke genutzt habe“, berichtet Bunde. Außerdem wurde die Beleuchtung der Apotheke ausgetauscht und modernisiert. Auch das Backoffice wurde umgestaltet. So entstand aus einem Lagerraum ein vollwertiges Chef-Büro, das es so vorher nicht gab.

Bunde will nun die Serviceangebote der Apotheke ausbauen. Unter anderem will er ein breites Spektrum an Events für seine Kunden anbieten. Die Planung für Veranstaltungen in seinem ersten Jahr als Apothekeninhaber ist bereits in vollem Gange. Vorgesehen sei zum Beispiel, ähnlich wie in seinen Torgauer Zeiten, ein gemeinsames Heilfasten.

„Das ist alles viel Aufwand, aber ich freue mich riesig“, betont er. Der Apotheker fühlt sich in seiner neuen „alten“ Umgebung so gut, dass auch die Entwicklungen im Gesundheitssystem, die vielen seiner Kollegen Ärger bereiten, ihn nicht mehr aus der Ruhe bringen kann. „Es ist alles eine Frage der Einstellung“, sagt Bunde heute. „Nach rund fünf Jahren als Unternehmer weiß ich, dass viele Probleme, die Apotheker sehen, Luxusprobleme sind.“

Selbständiger Unternehmer zu sein, bedeute jeden Tag Herausforderungen – ohne neue Ideen und Reaktionen auf Marktbedingungen, ohne Investitionen und unablässiges Marketing bleibe der Erfolg aus. Die Apotheke biete nach wie vor relative Sicherheit. „Ich stehe inzwischen über den Dingen und mache das Beste draus“, so der Pharmazeut. Denn Ärger hält bekanntlich nur auf.

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