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Kommentar

AvP: Wenn die Rettung droht

Warten auf das Geld: Im Fall von AvP stehen zahlreiche Apotheken derzeit noch mit leeren Händen da.Foto: APOTHEKE ADHOC

Berlin - Es ist – wirtschaftlich betrachtet – der größte anzunehmende Unfall im Apothekenmarkt: Ein Rechenzentrum gerät in Schieflage, hunderte oder tausende Apotheken kommen nicht an ihr Geld und sehen sich plötzlich in ihrer Existent gefährdet. So ungefähr ist die Lage seit einer Woche beim Rechenzentrum AvP. Die Konkurrenz bereitet sich darauf vor, die Kunden aufzufangen und wenigstens die weitere Abrechnung zu sichern. Weil aber die Apotheken ihren eigenen Verbindlichkeiten nachkommen müssen, droht eine riesige Liquiditätslücke im Apothekenmarkt.

AvP gehört neben den standeseigenen Rechenzentren VSA/ALG, ARZ Haan, NARZ/AVN und ARZ Darmstadt zu den führenden Rezeptabrechnern in Deutschland. Das Abrechnungsvolumen liegt bei knapp acht Milliarden Euro, pro Jahr werden mehr als 70 Millionen Rezepte verarbeitet. Vergleichsweise bescheiden nimmt sich mit knapp 30 Millionen Euro das Umsatzvolumen aus. 60 Mitarbeiter arbeiten in Düsseldorf und den Niederlassungen für den 1947 gegründeten Privatabrechner.

Dass bei solchen Abrechnungsvolumina ein – und wenn auch nur vorübergehender – Zahlungsausfall dramatische Folgen hat, ist wenig überraschend. Ein dreistelliger Millionenbetrag hing laut AvP-Chef Mathias Wettstein fest. Steuerberater Dr. Bernhard Bellinger schätzt die fehlenden Beträge auf 120.000 Euro im Durchschnitt, es gebe aber auch Mandanten, denen plötzlich 400.000 Euro fehlten.

Einen solchen Ausfall kann kein Unternehmer kompensieren, immerhin geht es um mehr, als vielen Apothekern am Ende des Jahres übrig bleibt. Dass sie in einer existenzbedrohenden Notlage sind, wird vielen Kollegen erst jetzt bewusst. Ob die Sache am Ende glimpflich ausgeht, ist alles andere als gewiss.

Umso frappierender ist die Art und Weise der Kommunikation bei allen Beteiligten. Knapp eine Woche lang war das Unternehmen für seine Kunden kaum oder überhaupt nicht zu erreichen. Wettstein stellte sich zwar Nachfragen, gab aber immer nur scheibchenweise Informationen heraus und konnte viele Apotheker nicht überzeugen. Mit Hinhaltetaktik gewinnt man vielleicht Zeit, aber kein Vertrauen. Vor allem wird man der eigenen Verantwortung für 3500 Kunden und deren Mitarbeiter nicht gerecht.

Genauso befremdlich ist aber das Vorgehen der Beteiligten im Hintergrund. Neben der Hypo Vereinsbank gehört die Commerzbank zu den großen Banken von AvP – sollten sie tatsächlich schon seit einigen Wochen im Haus sein und jetzt die Auszahlung verhindert oder verzögert haben, müssten sie sich ebenfalls Vorwürfe gefallen lassen.

Und dann ist da noch die Bankenaufsicht Bafin, die gerade erst im Zusammenhang mit dem Wirecard-Skandal eine traurige Berühmtheit erlangt hat. Aufgabe der Behörde in Bonn ist es offenbar, zu allen in ihren Zuständigkeitsbereich fallenden Angelegenheiten zu schweigen. Zu einzelnen Instituten dürfe man sich nicht äußern, heißt es immer wieder. Auch Apotheker, die wissen wollten, ob bei ihrem Rechenzentrum noch alles mit rechten Dingen zugeht, bissen auf Granit.

Man kann sich als Behörde freilich auf seine Verschwiegenheitspflicht berufen. Wenn man aber schon einen Sonderbeauftragten in das Unternehmen geschickt hat, sollte man auch rechtzeitig an diejenigen denken, deren Überleben vom eigenen Einschreiten abhängt. Nicht dass ausgerechnet wegen der Bankenaufsicht am Ende noch Apotheken gerettet werden müssen.

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