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Wutbrief an CSU-Chef Markus Söder

Kein AvP-Rettungsschirm: Apothekerin tritt aus CSU aus

Rettungssschirm: Apothekerin Beatrice Guttenberger ist sauer wegen der Untätigkeit der Politik in der AvP-Krise. Foto: Bayerische Staatskanzlei

Berlin - Bisher lehnt die Politik einen Rettungsschirm für von der AvP-Insolvenz betroffene Apotheken ab: Für Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ist das eine Sache für den Staatsanwalt. Und CDU-Gesundheitspolitiker Michael Hennrich sieht rechtliche und politische Hürden. Davon will Apothekerin Beatrice Guttenberger von der Rats-Apotheke im bayerischen Ochsenfurt nichts hören. Sie hat die Nase von der Politik voll und hat ihre langjährige CSU-Mitgliedschaft gekündigt. Bayern Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder wirft Sie im Kündigungsschreiben Untätigkeit vor.

Seit ihrem 16. Lebensjahr sei sie Mitglied in der Jungen Union, später Frauenunion und CSU. Bei der vergangenen Kommunalwahl in Bayern habe sie sich als Stadtratskandidatin aufstellen lassen, um die CSU-Ortsgruppe in Ochsenfurt zu unterstützen. Dass in den vergangenen Jahren im Gesundheitsbereich „immer Klientelpolitik für zwei oder drei ausländische Versandapotheken“ gemacht worden sei, sei für sie als selbstständige Apothekerin natürlich immer problematisch gewesen: „Aber was jetzt von Ihrer Seite im AvP-Skandal unternommen wird, nämlich nichts, ist für mich schlicht unerträglich.“

Sie leite seit zwölf Jahren eine unterdurchschnittliche Kleinstadt-Apotheke in Ochsenfurt. Bei ihr seien ausschließlich Frauen beschäftigt, „alle haben Kinder, alle haben Teilzeit“. Guttenberger: „Wir versorgen unsere Kunden weit über das wirtschaftlich sinnvolle Maß. Wir beraten, wir liefern nach Hause, wir stellen jede Rezeptur her, egal wie unwirtschaftlich sie ist.“ Die Senioren, die mit den Rabattverträgen überfordert seien, könnten mit jedem Problem auch außerhalb der Geschäftszeiten in die Apotheke kommen. Die Ärzte in der Nachbarschaft bekämen auch mehrmals am Tag dringendes in die Praxis geliefert.

„Während Corona haben wir im Schichtdienst mit unmöglichen Arbeitszeiten, trotz geschlossener Schulen und Kindergärten, die extremsten Situationen gemanagt“, so die Apothekerin weiter: „Wir haben Alkohol bestellt, den wir nicht mehr brauchten, als er endlich geliefert wurde. Wir haben Masken für abstruse Preise eingekauft und mit bis zu 50 Prozent Abschlag weiterverkauft, nur um überhaupt irgendetwas für unsere Risikopatienten tun zu können.“ Und gerade jetzt wolle ihr IT-Anbieter ihr eine neue Software verkaufen für 10.000 Euro, weil sie diese angeblich für die Einführung des eRezeptes benötige: „Ich spreche nicht vom HBA, der SMBC und dem Konnektor, sondern von meiner Software, die mir niemand bezuschusst. Und das wissend, dass schon jetzt von den Versendern jedes nur erdenklich kleine Schlupfloch gesucht wird, das Zuweisungsverbot zu unterwandern.“

Wenn sie ihre Apotheke schließe, verlören fünf Frauen ihren Job und in Ochsenfurt stehe ein weiteres Geschäft leer. „Wer hat dann gewonnen? Bringt das auch nur einer einzigen Krankenkasse einen einzigen Euro?“, fragt die Apothekerin. Die Zahl der Apotheken in Deutschland sei weiter rückläufig. Produkte, an denen Vor-Ort-Apotheken eine „halbwegs vernünftige Marge“ erzielen könnten, seien ausnahmslos nach Holland abgewandert, mit „Verkaufspreisen, die deutlich unter meinen Einkaufspreisen liegen“. Guttenberger: „Aber heute Nacht um 3:00 Uhr kam jemand mit einem Rezept für ein Schmerzmittel, ich hatte es da. In dem Warenlager, das ich finanziere, wo ich jedes Jahr Tausende Euro abschreibe für selten benötigte, aber wichtige Notfallmedikamente.“

Eine durchschnittliche Apotheke in Deutschland setze im Jahr 2,6 Millionen Euro um und kaufe für knapp 2 Millionen Euro ein. „Den von den AvP-Problemen betroffenen Apotheken werden jetzt also im Schnitt 165.000 Euro fehlen, bei einem Monatsrohertrag von etwas um die 12.000 Euro“, rechnet die Apothekerin vor: „Und niemand, wirklich niemand setzt sich für uns ein. Ich bin fassungslos und bitter enttäuscht.“ Die Kollegen hätten nichts falsch gemacht, studiert, das Risiko der Selbstständigkeit auf sich genommen und ihre Kunden bestmöglich versorgt. „Jetzt werden wir dank der aufgezwungenen Rechtsform für einen Vorgang mit unseren Privatvermögen haftbar gemacht, der sich komplett unserem Einflussbereich entzieht. Wie können Sie das zulassen?“, so Guttenberger an Söder.

Man spreche hier nicht von einem Verzicht auf ein oder zwei Monatseinkommen, „wir sprechen hier von Geld, das wir nie eingenommen haben, das wir mit dem vollen Risiko einer Retax Kassenpatienten durchgereicht haben“. Sie könne und wolle sich mit einer solchen „Volkspartei“ nicht mehr identifizieren. „Daher sende ich Ihnen im Anhang meine Kündigung der Mitgliedschaft in der CSU. Ich hoffe, es werden viele Kollegen meinem Beispiel folgen“, endet der Brief der Apothekerin.

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