Schweiz

23 Kollegen gründen Entlass-Apotheke

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Berlin -

Im Kantonsspital Aarau wird eine öffentliche Apotheke eröffnet. Betrieben wird sie durch Apotheken der Region. Damit soll nicht nur die Erstversorgung von entlassenen Patienten mit Arzneimitteln verbessert, sondern auch ein zentralisierter Notfalldienst etabliert werden. Das Projekt beinhaltet eine enge Zusammenarbeit mit den Ärzten und der Spitalpharmazie des Kantonsspitals und ist in dieser Form einzigartig.

Die Apotheke, die sich im Hauptgebäude des Kantonsspitals Aarau direkt beim Haupteingang befindet, nimmt heute ihren Betrieb auf. Dabei handelt sich allerdings nicht um eine Krankenhaus-, sondern um eine Offizinapotheke, die als Schnittstelle zwischen dem Krankenhaus und den Apotheken der Region etabliert werden soll.

Die Apotheke im Spital wird durch 31 der 32 Apotheken der drei Dienstkreise Aarau, Lenzburg, Suhren- und Wynental betrieben. Die 23 Inhaber der beteiligten Apotheken sind Aktionäre in der eigens dafür gegründeten „Apotheke im Spital Aarau AG“ (Aisa). Dabei besitzen alle Apotheken gleich viele Aktien. Verwaltungsratschef ist der Präsident des Apothekerverbands Pharmasuisse, Fabian Vaucher, dessen Apotheken in Buchs und Küttigen im Einzugsgebiet liegen.

Während der üblichen Öffnungszeiten dient die Apotheke in erster Linie der Erstversorgung von Patienten, die die Klinik verlassen, in der Krankenhausambulanz behandelt werden oder sich komplexen Therapien unterziehen. So solle die nahtlose Versorgung durch die Stammapotheken gewährleistet werden, erläutert Carmen Walther, Apothekerin und Aisa-Vizepräsidentin. „Ziel ist es, durch IT-Vernetzung aller involvierten Apotheken die Medikamente, die der Patient vor dem Eintritt ins Spital einnahm, mit der Austrittmedikation abzugleichen und sie beispielsweise auf die Generika einzustellen, welche der Patient schon vor dem Spitaleintritt verwendete.“ Die Apotheke stehe aber auch für alle anderen Patienten und Kunden offen.

Die neue Apotheke soll ein den Bedürfnissen stationärer, ambulanter und entlassener Patienten angepasstes Sortiment zur Verfügung stellen: von rezeptpflichtigen Medikamenten über OTC-Arzneimittel bis hin zu Kosmetik- und Pflegeprodukten. Außerdem soll sie die Spezialprodukte der Krankenhausapotheke führen. So könnten auch ambulante Patienten die individuell hergestellten Produkte wie Zytostatika, Ciclosporin-Augentropfen, Antibiotika-Kassetten und spezielle Kompressen beziehen. „Damit werden Patienten mit komplexen Therapien auch nach der Entlassung ohne Unterbrechung optimal weiterversorgt“, betont Walther.

Dennoch soll die Spitalapotheke nicht die Apotheke vor Ort ersetzen. Deshalb sollen eher kleinere Packungen verkauft werden. „Die neue Apotheke soll nicht die Dauermedikation sicherstellen, sondern die Versorgung für die erste Zeit nach einem Spitalsaufenthalt sichern“, sagt Walther, die eine Apotheke in Rommbach betreibt. „Danach sind die Stammapotheken zuständig.“

Die Apotheke im Spital ist an 365 Tagen im Jahr und rund um die Uhr geöffnet. „Das hat den Vorteil, dass ab Juli für die Region ein permanenter, zentraler Notfalldienst angeboten werden kann“, so die Apothekerin. Diese Notfallversorgung ersetzt die bisherige Regelung mit wochenweise alternierendem Notdienst in den einzelnen Apotheken der Region. Ein ähnliches Modell gibt es bereits in Basel.

Für die Patienten sollen sich keine Nachteile ergeben. Im Gegenteil: „Die Patienten müssen sich nicht mehr jedes Mal erkundigen, welche Apotheke Notfalldienst hat und wo genau sie sich befindet, sondern haben die Apotheke im Spital als festen Anlaufpunkt“. Auch die Anfahrt verlängert sich nicht wesentlich, da das Krankenhaus und damit auch die Apotheke zentral liegen und gut zu erreichen sind.

Die gesamten Planungs- und Gründungskosten haben die beteiligten Apotheker übernommen. Auch der Bau der Apotheke, der Erstvorrat und weitere Anschaffungen werden laut Walther durch die Aktionäre finanziert. Derzeit gehören drei Apotheker zum Team der Apotheke. Ab Juli, wenn der 24 Stunden-Betrieb aufgenommen wird, soll sich die Zahl der Pharmazeuten auf neun erhöhen.

Während nach Einschätzung der Apotheker sich der Tagesbetrieb schon „in kürzester Zeit“ selbst tragen soll, lässt sich der Notfalldienst wohl nicht kostendeckend betreiben. „Der hier erwartete Verlust wird vollständig durch die nun vom Notfalldienst befreiten Apotheken der betreffenden Dienstkreise getragen“, erläutert Walther. Entstehe wider Erwarten auch im Tagesdienst ein Verlust, reduziere sich im selben Umfang der mit dem Klinik vereinbarte Jahresmietzins für die Apotheke. Ein etwaiger Gewinn soll in der Betriebsgesellschaft verbleiben und zur Querfinanzierung des Notfallbetriebes verwendet werden, so die Apothekerin.

Schon seit mehreren Jahren haben die Apotheker laut Walther nach einer Alternative für die veraltete Notfalldienstregelung gesucht. „Vor 2,5 Jahren erfuhren wir, dass das Krankenhaus eine öffentliche Apotheke im Spitalareal plant, und schlugen vor, dass die Apotheker der Umgebung diese Apotheke führen und gleich auch als 24h- Apotheke betreiben sollen“, erinnert sich Walther. Diese Lösung sei auch aus einem anderen Grund notwendig gewesen: Der Kanton Aargau, in dem sich die Kleinstadt Aarau befindet, gehört zu jenen Kantonen in der Schweiz, in denen ein Dispensierverbot für Ärzte besteht. Wenn es nach den Apothekern geht, soll das auch so bleiben,

Die Apotheker hatten laut Walther zunächst mit einigen Vorbehalten seitens des Krankenhauses zu kämpfen. „Das Spital hatte zuerst Mühe, den Betrieb den Apothekern der Region zu überlassen“, sagt sie. Nach knapp zweijährigen Verhandlungen sei es im Sommer gelungen, alle offenen Punkte zu klären. „Dank sehr kompetenter Arbeit und Unterstützung durch Spitaltechniker, Architekten und Installateure konnte die Apotheke in nur 4,5 Monaten erstellt, eingerichtet und nun in Betrieb genommen werden“, sagt Walther.

Das Spital liegt im Kanton Aargau im Norden der Deutschschweiz und ist neben den Universitätsspitälern eines der drei größten Zentrumsspitäler der Schweiz. Als überregionales Gesundheitszentrum verfügt das Krankenhaus eigenen Angaben zufolge über eine erstklassige medizinisch-technische Infrastruktur. Das medizinische Leistungsangebot reicht von der Grundversorgung bis hin zur hochspezialisierten Medizin. In über 30 Behandlungs- und Diagnosezentren sind rund 4100 Fachpersonen aus Diagnostik, Medizin, Pflege, Therapie und anderen Berufsbereichen jährlich für über 27.000 stationäre und über 520.000 ambulante Behandlungen verantwortlich.

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