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Herstellanweisungen via Homeoffice

Corona fordert die Rezeptur-PTA

Berlin - Die Corona-Krise verlangt den Apotheken viel ab, doch nicht nur in der Offizin kommt es zu einem erhöhten Arbeitsaufwand, auch in der Rezeptur nehmen die patientenindividuellen Verordnungen zu. Das Arbeiten in festen und voneinander getrennten Teams minimiert die Besetzung auf ein Minimum. Den Herausforderungen stellt sich auch PTA Tabea Schulz. Sie arbeitet in der BezirksApotheke am Berliner Alexanderplatz, wo trotz Ausgangsbeschränkungen weiterhin viele Passanten zu beobachten sind.

„Die Corona-Krise stellt uns vor neue Herausforderungen“

Wenn Tabea Schulz aktuell zur Arbeit kommt, erwartet sie eine lange Liste an Aufgaben. Neben den alltäglichen Rezepturen stellt sie in der BezirksApotheke nun auch Desinfektionsmittel her. Seit Beginn der Corona-Krise arbeitet sie größtenteils alleine. Die Einteilung in feste Teams macht es nicht mehr möglich, spontan auf die anfallende Arbeitslast zu reagieren. „Sonst haben zwei bis drei PTA für acht Stunden in der Rezeptur gearbeitet. Nun sind es ein bis zwei PTA für maximal fünf Stunden. Das Arbeiten in Schichten gibt nicht mehr her.“ In dieser Zeit versucht Tabea, die eigentliche Herstellung aller anfallenden Rezepturen zu erledigen. Alles, was sie auch außerhalb der Apotheke erledigen kann, nimmt sie aktuell mit ins Homeoffice. „Die Einteilung in Schichten führt dazu, dass ich an manchen Tagen so viel Arbeit habe, dass ich das, was ich ausgliedern kann, von zu Hause aus mache.“

„Wir sind unglaublich flexibel“

Seit Anfang März dürfen Apotheken offiziell Desinfektionsmittel zur Händedesinfektion selbst herstellen. Die Ausnahmegenehmigung gilt vorerst bis Mitte September. Die BezirksApotheke hat schnell reagiert und Ausgangsstoffe bestellt. „Jetzt zeigt sich, was die Vor-Ort-Apotheke ausmacht. Schaut doch mal, wie flexibel wir sind: Ab Tag 1 nach der neuen Regelung konnten wir Desinfektionsmittel herstellen und liefern beziehungsweise verkaufen.“

Das eigens hergestellte Desinfektionsmittel wird von den Kunden gut angenommen, die Flaschen der ersten Produktion sind bereits alle verkauft worden, nun wartet Schulz auf die nächste Warenlieferung: „Bislang haben wir 75 Liter Desinfektionsmittel hergestellt, aber das ist noch lange nicht das Ende. Aktuell warten wir auf die neue Rohstoff-Lieferung, dann können wieder über 85 Liter Desinfektionsmittel produziert werden.“ Für den Kunden in der Apotheke wird die Lösung zu 100 ml abgefüllt. Die Beschaffung von Alkohol oder auch Glycerin wird immer schwieriger: „Aktuell schaue ich jeden Tag, wo ich Isopropanol oder auch Glycerin beziehen kann.“ Die Verfügbarkeitsabfragen und telefonischen Anfragen beim Hersteller kosten zusätzlich Zeit.

„Homeoffice eröffnet uns neue Möglichkeiten“

Arbeiten wie die telefonischen Anfragen beim Hersteller erledigt Tabea zurzeit oft von zu Hause aus. Sie ist im Spät-Team eingeteilt und beginnt somit erst mittags in der Apotheke. Über Überstunden denkt sie aktuell wenig nach: „Wir möchten einfach versuchen, jeden Patienten optimal zu versorgen. In diesen Zeiten bedeutet das nun mal auch Mehraufwand.“

Um das Arbeitspensum zu schaffen, haben auch die Apotheker zugestimmt, einige Aufgaben von zu Hause aus zu erledigen. So kontrollieren die Approbierten die Plausibilitätsprüfungen im Homeoffice. Dieses Vorgehen würde auch ihr mehr Zeit verschaffen, da sie so zu Schichtbeginn direkt mit der Produktion beginnen könne – es entstehe weniger Leerlauf. Auch sie selbst nutzt die Zeit am Abend daheim nach einer kurzen Verschnaufpause und arbeitet weiter. „Ich kann Herstellungsanweisungen schreiben oder mir die Etiketten vorbereiten.“ Ein Großansatz Desinfektionsmittel umfasst 10 Liter, das entspricht 100 Flaschen, also 100 Etiketten. „Das Bekleben der Flaschen ist wirklich zeitaufwendig. Für 100 Flaschen à 100 Milliliter kann man schon ein bis zwei Stunden kalkulieren.“

„Bereits morgens ist die Botenliste voll“

Die BezirksApotheke liefert häufig Arzneimittel zu den Patienten nach Hause. Doch durch die aktuelle Pandemie steigen die Anfragen seitens der Kunden, immer mehr möchten das Haus nicht mehr verlassen. „Die Botendienste nehmen zu. Das normale Kontingent an Fahrten ist bereits morgens 9.30 Uhr ausgeschöpft – wir öffnen 9 Uhr. Nun müssen wir weitere Botenfahrten einplanen.“ Tabea befürwortet die Botendienste: „Insbesondere Menschen, die einer Risikogruppe angehören, sollten sich aktuell den Gang in die Apotheke sparen.“ Gerade bei den Cannabisverordnungen nehmen die Botendienste zu, da es sich hierbei um ein Betäubungsmittel handelt, müssen die Boten einige Regeln extra beachten. Das alles stellt die Apotheken gerade vor neue Herausforderungen. Die BezirksApotheke hatte bereits vor Covid-19 ein gutes Botendienst-System, davon könne man jetzt profitieren, so Tabea.

„Einige Rohstoffe sind jetzt schon nicht lieferbar.“

Tabea Schulz steht nicht nur bei der Bestellung von Alkohol vor einem Problem. Auch weitere Wirk- und Hilfsstoffe sind nicht lieferbar. „Es ist nicht mal mehr der 5-Kilo-Eimer Paracetamol lieferbar“, klagt die PTA, die aktuell noch genügend Mengen des Analgetikums als Rezeptursubstanz vorrätig hat. Doch auch bei anderen Substanzen zeichnet sich ein Lieferengpass ab, so beispielsweise bei Glycerin. Der Stoff ist Teil der Desinfektionsmittel-Rezepturen und deshalb wohl stärker nachgefragt, mutmaßt Schulz. Sie verweist darauf, dass der Stoff aber auch in zahlreichen Pflegecremes enthalten ist und auch als Anreibemittel verwendet wird – hier muss sie dann auf Alternativen ausweichen.

Auf die Frage, ob die Apotheke sich speziell auf kommende Lieferengpässe vorbereitet hat, antwortet sie: „Hamsterkäufe haben wir bei uns in der Apotheke nicht getätigt. Unsere Rezeptur ist gut aufgestellt und breit gefächert. Somit haben wir immer einen Grundbestand beispielsweise an Paracetamol oder Progesteron. Sollte es in oder nach der Corona-Krise zu Lieferengpässen kommen, können wir selbstverständlich Paracetamol-Zäpfchen für Säuglinge selbst herstellen.“ Tabea überprüft ihre Bestände regelmäßig und versucht, immer eine große Bandbreite an Arzneistoffen vorrätig zu haben. „Wir versuchen, für den Kunden alles möglich zu machen, doch auch wir können nur das herstellen, was wir bekommen. Einzelne Arzneistoffe kann ich eben schon kaum noch bestellen.“

„Cannabis ist ein großer Teil unserer Rezeptur“

Tabea ist mittlerweile ein Profi in Sachen cannabishaltige Rezepturen. Die Apotheke, in der sie arbeitet, hat sich in den vergangenen drei Jahren immer weiter auf Cannabis spezialisiert. Am Anfang war das Neuland für die PTA, nun stellt sie jeden Tag routiniert Cannabisextrakte her, füllt Blüten ab und prüft sie im Rahmen der Identitätsprüfung. „An einem durchschnittlichen Tag stellen wir 15 Rezepturen her, davon entfallen 10 auf cannabishaltige Zubereitungen. Ansonsten stellen wir noch viele Dermatika, Suspensionen und Kapseln her. Die reinen Cannabis-Abfüllungen sind in den 15 Rezepturen nicht mit einberechnet.“ Seit einigen Wochen steigt die Anzahl an Cannabisrezepturen. Im normalen Betrieb kümmern sich immer ein bis zwei Angestellte nur um das Thema Cannabis, erzählt Tabea, vom Wareneingang, über die Herstellung, bis hin zur Dokumentation. Nun sind die Teams knapper besetzt. Auch hier könne man einige Arbeiten ins Homeoffice verlegen, beispielsweise die Planung der Botendienste.

„Rezeptur ist meine Leidenschaft.“

Tabea hat sich auf die Arbeit in der Rezeptur spezialisiert, im Handverkauf arbeitet sie nur noch ab und an. Auch für die Ausbildung der PTA- und Pharmaziepraktikanten ist sie zuständig. „Jeder Praktikant bekommt am Beginn seines Praktikums einen Einarbeitungsordner, den er – je nach Abteilung – mit seinem Mentor durchgeht. Auch die Rezeptur ist Teil des PJ. Hier arbeite ich die angehenden Apotheker und PTA-Praktikanten ein.“ Das macht ihr richtig Spaß. Um die Praktikanten auf den Apothekenalltag, fernab von plausiblen NRF-Rezepturen, vorzubereiten, hat die PTA einen eigenen Einarbeitungsordner angelegt. „Ich habe mir verschiedene problematische Rezepturen exemplarisch überlegt, sodass die Praktikanten später eigenständig Plausibilitätsprüfungen erarbeiten können.“

„Wenn es Schwierigkeiten mit einer Rezeptur gibt, halten wir immer Rücksprache mit dem Arzt. Wir sind bemüht, immer die beste Lösung für den Patienten zu finden.“ Das kostet häufig viel Zeit, deshalb ist es aktuell sehr ärgerlich, dass die zunehmenden Dermatika-Verordnungen häufig nicht plausibel sind, so Tabea. Um die Arbeitsabläufe immer weiter zu optimieren, erweitert die PTA das Inventar der Rezeptur fortlaufend: „Wir haben in den letzten Monaten zahlreiche neue Geräte für die Rezeptur gekauft, darunter auch ein Rotationsverdampfer für unsere Cannabisherstellungen.“

Tabea ist sich sicher, dass in der Corona-Krise deutlich wird, wie flexibel die stationäre Apotheke auf die dynamische Entwicklung der Pandemie reagieren kann. Die Rezeptur könne nicht nur einen Beitrag zur Versorgung mit Desinfektionsmitteln leisten, sie könne auch im Falle von Liefererengpässen eine Alternativlösung zu Fertigarzneimitteln bieten. So weit ist es aber noch nicht.

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