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Gastkommentar

Die Digitalisierung und ihre Gewinner

Wer sind die wirklichen Gewinner dieser Digitalisierung, hinterfragt Dr. Franz Stadler in seinem Blick hinter die Kulissen dieser angeblichen Modernisierung.Foto: Sempt-Apotheke

Berlin - Die Digitalisierung des Gesundheitswesens schreitet voran. Es gibt jede Menge neuer Abkürzungen, die fast alle ein „e“ vorangestellt haben: ePA für elektronische Patientenakte, eMP für elektronischen Medikationsplan bis hin zum eRezept, dem elektronischen Rezept. Ginge es nach Jens Spahn müsste möglichst alles digitalisiert werden, möglichst schnell und natürlich alles im Interesse des Patienten. Wer aber sind die wirklichen Gewinner dieser Digitalisierung? Apotheker Dr. Franz Stadler hat Zweifel an dieser angeblichen Modernisierung.

Um es klar vorweg zu sagen: Digitalisierung an sich ist nichts Schlechtes. Sie ist aber auch kein Allheilmittel. Allein schon aus diesem Grund ist es angebracht, die gerade ablaufende Entwicklung im Gesundheitssystem mit einem Schuss Skepsis zu beobachten: zu Vieles soll in zu kurzer Zeit umgesetzt werden und dass obwohl sehr viele Akteure und noch viel mehr Patienten beteiligt und betroffen sein werden. Glaubt man den Vorträgen zum Thema, die in letzter Zeit immer häufiger zu hören sind, so steht der Patient im Mittelpunkt aller Bestrebungen.

Fangen wir also mit ihm an. Was hat der Patient von der Digitalisierung? Unbestreitbar können bei optimaler Nutzung der neuen Systeme sinnlose Doppel-/Mehrfachuntersuchungen oder unerwünschte Neben- und Wechselwirkungen bei den verordneten Medikamenten vermieden werden. Jede Apotheke kann über die ePA die gesamte aktuelle Medikation des Kunden einsehen und gegenprüfen. Neben der direkten Verbesserung seiner Arzneimitteltherapie profitiert der Patient bei einem fachgerechten Einsatz auch indirekt durch die dadurch zweifelsohne gesparten Kosten, was letztlich über den Beitragssatz allen Beitragszahlern im Gesundheitssystem zu Gute kommen sollte.

Wer profitiert noch? Durch die Vielzahl der gespeicherten Daten wird die Versorgungsforschung einen ungeahnten Aufschwung nehmen. Es wird noch mehr Statistiken, noch mehr Daten und sehr wahrscheinlich auch noch mehr Bürokratie geben. Die Verwaltungsapparate so mancher Krankenkassen werden wachsen und die Leistungserbringer in ein immer starreres Korsett gezwungen – nicht immer zum Vorteil der Versicherten. Verwaltungsbeamte und ihre Statistiken können erfahrene Therapeuten nicht ersetzen. Hinzu kommt: Alles muss irgendwann eingegeben und erfasst werden, eine Dienstleistung, die Apotheken oft ohne jede Gegenleistung erbringen, die aber an ihren Ressourcen zehrt.

Genauso gilt aber: ohne die entsprechenden Datenbanken ist eine regelkonforme Versorgung nahezu unmöglich geworden. Hier seien als Beispiel die Rabattverträge angeführt, einem bürokratischen Monster, dessen Umsetzung ohne die entsprechende Digitalisierung unmöglich wäre. Beide Fälle erfordern Zeit, die in Stoßzeiten schon einmal zu Lasten der Beratung und damit der Kunden gehen kann. Jede Apotheke könnte ein Lied davon singen.

Bis hier hin sind die Folgen der Digitalisierung noch akzeptabel. Es gibt negative, aber auch positive Aspekte, die sich weitgehend die Waage halten, vielleicht unter dem Strich sogar einige Vorteile für die Versichertengemeinschaft zeigen. Trotzdem zeigt sich bereits die Tendenz der Digitalisierung, wirtschaftliche Vorteile großer Organisationen (hier: die Krankenkassen) über die Interessen schwächerer Beteiligter (hier Apotheker) oder gar der Patienten zu stellen.

Die fortschreitende Digitalisierung generiert aber noch ganz andere Gewinner, denen es kaum mehr um die Patienten, sondern fast ausschließlich um Versorgungsstrukturen und um Marktanteile geht: Finanzinvestoren, die rund um den Globus nach Investitionsmöglichkeiten suchen und die nur allzu gerne in Sozialsysteme investieren oder genauer gesagt aus funktionierenden Sozialsystemen ihren Profit ziehen wollen. Für sie ist die Digitalisierung geradezu die Grundvoraussetzung ihres Geschäftsmodells. Sie wollen Zentralisierung, wollen Statistiken, detaillierte Kenntnisse des Gesamtmarktes und nicht Einzelfälle. Sie brauchen schnelle Datenübermittlung und zentrale Datenspeicher.

Entgegen den offiziellen Verlautbarungen geht es ihnen nicht um die Patienten oder das Funktionieren des Gesamtsystems, sondern ihnen geht es ausschließlich um Kundenzahlen, Umsatzhöhe und den möglichen Gewinn. Ihnen reichen die Chroniker, deren Versorgung einer ausgeklügelten Rosinenpickerei mit vergleichsweise geringem Aufwand entspricht. Sie arbeiten mit kostspieliger (TV-)Werbung, mit kleinen und größeren Bestechungen (Boni und anderes) und argumentieren mit Halbwahrheiten und Verdrehungen (z.B. Versand sei wichtig für die Versorgung der Landbevölkerung). Ihre wahren Absichten offenbaren sie nur selten. Ausnahme: Walter Oberhänsli, der CEO von Zur Rose, Mutterkonzern verschiedener Versandhändler, zu dem auch DocMorris gehört, äußerte sich vor Kurzen geradezu euphorisch über die Wachstumschancen des Konzerns, die sich mit der Einführung des eRezeptes eröffnen würden.

Jetzt wäre es grundsätzlich falsch, wegen einiger Fehlentwicklungen die gesamte Digitalisierung zu verteufeln. Deshalb richtet sich mein Appell an die verantwortlichen Politiker und an die Patienten: Schaut hinter die Kulissen! Glaubt nicht allzu rosigen Versprechen! Bleibt skeptisch und lasst euch nicht kaufen! Arzneimittel sind ein besonderes Gut. Ihre Einnahme ist nicht beliebig – weder in Frequenz noch in Menge.

Deshalb müssen der Konsum, der Handel und die Qualität kontrolliert und bei Verfehlungen sanktioniert werden können. Deshalb ist grenzüberschreitender Handel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten und jede Form von verkaufsfördernder Werbung durch entsprechende Gesetze zu verbieten. Holländische Versender sind durch deutsche Gesetze und deutsche Gerichte nicht zu belangen – wie die Vergangenheit hinreichend belegt hat. Hier ist unsere Politik gefordert. Sie sollte den verantwortlichen Umgang mit Arzneimitteln fördern. Hier ist der Patient und seine Einsicht gefordert: Will er selbst letztlich nicht zum Verlierer werden, sollte ihm Arzneimittelsicherheit wichtiger sein als ein Bonus. Mein Fazit lautet: Vorsicht in wessen Hände man die Arzneimittelversorgung gibt! Digitalisierung ja, aber nicht auf Kosten einer Zentralisierung der Versorgung, deren Verantwortlichkeit immer eingeschränkt sein wird und sein muss!“

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