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Eine Million Tote und Anarchie

Corona-Krise: Seehofers Worst Case-Szenario

Bundesinnenminister Horst Seehofer hat in seinem Haus ein Worst Case Szenario für die Coronakrise erstellen lassen.Foto: Andreas Domma

Berlin - Die Politik versucht mit verschiedenen Maßnahmen, der Ausbreitung des Coronavirus Herr zu werden und gleichzeitig die wirtschaftlichen Folgeschäden abzufedern. Wie wichtig diese Anstrengungen sind, geht aus einem internen Bericht des Bundesinnenministeriums (BMI) hervor, der APOTHEKE ADHOC vorliegt. Das Haus von Horst Seehofer (CSU) hat ein Worst Case-Szenario errechnet. Im schlimmsten Fall wäre mit über 1,1 Millionen Covid-19-Toten zu rechnen und einem kompletten Zusammenbruch der Wirtschaft. Das BMI weist aber auch auf die bereits getroffenen Maßnahmen hin, um das zu vermeiden.

Die Verschlusssache aus dem BMI trägt den Titel „Wie wir Covid-19 unter Kontrolle bekommen“. Seehofers Beamte warnen davor, dass eine „Unterschätzung der Größenordnung dieser Herausforderung zu immensen, irreversiblen Schäden führen wird“. Im Worst Case-Szenario wird die Zahl der Infizierten rasant steigen und bald 70 Prozent der Bevölkerung erreicht haben. In diesem Fall wäre von einer „massiven Überlastung des Gesundheitssystems“ auszugehen. In Zahlen: Über 80 Prozent der mehr als 350.000 intensivpflichtigen Patienten müssten von den Krankenhäusern mangels Kapazitäten abgewiesen werden. Wenn diese Phase der Annahmen entsprechend zwei Monate andauern würde, wären mit mehr als einer Million Todesfällen zu rechnen.

Vor allem die Reduktion physischer Kontakte soll dabei helfen, diesen schlimmsten Fall zu vermeiden. Gelänge es, die Zeitspanne bis zur Verdopplung bis Mitte April auf neun Tage zu verlängern, würde das Gesundheitssystem weniger überfordert: „Gleichwohl erwarten wir hier eine temporäre Überauslastung der Intensivkapazitäten“, heißt es im Bericht. Demnach müssten immer noch 15 Prozent der intensivpflichtigen Patienten abgewiesen werden. Immerhin stünden aber genug Beatmungsgeräte zur Verfügung.

In diesem „Dehnung Case“ würde sich die Zahl der Todesfälle immer noch auf etwa 220.000 belaufen. Allerdings müsste der Ausnahmezustand sieben Monate aufrechterhalten werden. Die wirtschaftlichen Negativeffekte wären „von einem gewaltigen Ausmaß“. In einem dritten Szenario mit umfangreichen Tests und konsequenter Isolation würde sich rund eine Million Menschen infizieren, aber „nur“ etwa 12.000 versterben. Die Mortalität läge demnach bei 1,2 Prozent. Allerdings wäre dann mit einer zweiten Welle der Infektion zu rechnen.

Das BMI geht davon aus, dass 5 Prozent der infizierten Personen ins Krankenhaus müssen, 30 Prozent davon eine intensivmedizinische Betreuung und weitere 20 Prozent mindestens eine Beatmung benötigen. Stand jetzt gibt es 14.000 Intensivbetten für Covid-19-Patienten und die gleiche Anzahl für Patienten mit anderen Krankheiten, etwa Herzinfarkte oder Schlaganfälle, 18.000 Beatmungsgeräte und fast 300.000 Betten in Krankenhäusern und Reha-Kliniken. Im Innenministerium ist man zuversichtlich, dass diese Zahl in den nächsten Wochen sukzessive erhöht werden kann – auf dann 24.000 freie Intensivbetten, 28.000 Beatmungsgeräte und zusätzlich 60.000 Betten in Hotels und Messehallen.

In seinem Worst Case-Szenario hat das BMI auch die Auswirkungen auf die Wirtschaft in den Blick genommen. Und die sind nicht weniger düster: Sollten die Maßnahmen zur Kontrolle der Covid-19-Epidemie nicht greifen, „könnte im Sinne einer ‚Kernschmelze‘ das gesamte System in Frage gestellt werden“. Und weiter: „Es droht, dass dies die Gemeinschaft in einen völlig anderen Grundzustand bis hin zur Anarchie verändert.“

Daher seien die alles dominierenden Überlegungen zur Eindämmung der Epidemie mit ökonomischen Vorkehrungen zu verbinden. Das Mittel: konsequentes individuelles Testen und Isolation der Betroffenen. Bis die Testkapazitäten aufgebaut seien, bleibe nur der „Holzhammer“ der starken sozialen Distanzierung, ungeachtet des genauen Infektionszustands aller Betroffenen.

Das BMI hat vier Szenarien wirtschaftlicher Entwicklung erstellt: „Schnelle Kontrolle“ (1), „Rückkehr der Krise“ (2), „Langes Leiden“ (3) und „Abgrund“ (4). Entscheidend ist dabei die Dauer der Unterbrechung eines normalen Marktgeschehens.

Szenario 1: „Schnelle Kontrolle“

Die Ausbreitung des Virus kann deutlich gebremst werden, die Fallzahlen gehen herunter. Nach Ostern können Schulen und Kindergärten wieder öffnen, „das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben kehrt weitgehend zurück zur Normalität“. Allenfalls Großveranstaltungen könnten verboten bleiben. Ergebnis wäre eine Einbruch des BIP um 4 Prozent – das wirtschaftliche Best Case Szenario. Der Staatshaushalt hätte Mehrausgaben und Mindereinnahmen von 80 Milliarden Euro.

Szenario 2: „Rückkehr der Krise“

Die Verbreitung des Virus wird durch die getroffenen Maßnahmen massiv begrenzt, allerdings gibt es eine zweite Infektionswelle in der zweiten Jahreshälfte. Für die Wirtschaft bedeutete das, dass Nachholeffekte ausbleiben und das BIP um 11 Prozent sinkt.

Szenario 3: „Langes Leiden“

Ein schnelles Eindämmen der Epidemie gelingt nicht und die Ausgangsbeschränkungen müssen bis zu den Sommerferien im Juli verlängert werden. Auch in diesem Szenario bricht das BIP um 9 Prozent an, das sei aber eher eine optimistische Annahme. „Nicht berücksichtigt sind hier mögliche sich selbst verstärkende Effekte, die mit der langen Zeit der Krise auftreten.“

Szenario 4: „Abgrund“

Die Eindämmung der Epidemie gelingt nicht, es kommt zu einer unkontrollierbaren Situation. Ausgangsbeschränkungen bis zum Ende des Jahres mit weiterer Einschränkung der Wirtschaft um zusätzlich vier Monate lassen das BIP um 32 Prozent einbrechen, die Industrie um 47 Prozent. „Dieses Szenario kommt einem wirtschaftlichen Zusammenbruch gleich, dessen gesellschaftlichen und politischen Konsequenzen kaum vorstellbar sind“, heißt es im BMI-Papier.

Mit Blick auf diese Zahlen müsse alles getan werden, um Szenario 1 zu erreichen. Die erste Phase der Schließungen von Schulen und Betrieben müsse schnell in Phase 2 mit vielen Tests und konsequenter Isolation abgelöst werden. Dazu müssten die notwendigen Strukturen schnell aufgebaut werden. Als notwendige wirtschaftspolitische Maßnahmen sieht das BMI die Ausweitung der Kurzarbeit und Liquiditätshilfen, wie bereits beschlossen, direkte Unternehmenstransfers, eine Beteiligung an Unternehmen durch einen Staatsfonds, steuerliche Entlastungen, eine Stabilisierung der Kommunalfinanzen sowie konjunkturelle Maßnahmen nach dem Ende der Krise.

Seehofers Marschroute: „Worst case verdeutlichen“. Die Menschen müssten begreifen, was es bedeutet, wenn ein Angehöriger zu Hause erstickt, weil er nicht behandelt werden kann. Oder dass ein Kind seine Eltern infiziert und das Gefühl halt, Schuld zu sein, weil es sich vielleicht nach dem Spielen mit den Nachbarskindern nicht die Hände gewaschen hat. Zudem sollte in der Kommunikation auf die Gefahr hingewiesen werden, dass es nach vermeintlicher überstandener Erkrankung Rückfälle geben kann.

Als weitere politische Maßnahme sieht man im BMI längerfristig den Einsatz von Big Data und Location Tracking als „unumgänglich“, um das Testen schneller und effizienter zu machen. Aktuell gehen vorsichtige Schätzungen aus dem Ministerium davon aus, ab dem 20. April bei einem Reproduktionsfaktor von R=0.8 eine schrittweise Lockerung der Ausgangsbeschränkungen möglich ist, inklusive Wiederaufnahme des Schulbetriebes. Ab dem 27. April mit einer erwarteten Kapazität von 200.000 Tests pro Tag und gut eingespielter Kontaktsuche sei ein Wert von R=0.5 zu erreichen.

Dazu müssten die Bürger nachvollziehen können, dass die Maßnahmen nur mit ihrer Mithilfe umgesetzt werden können, allen voran die soziale Distanzierung. Die Wirkung der Maßnahmen lasse sich am besten durch Ausweiten des Testens nachvollziehbar machen. „Wir müssen von der Methode ‚Wir testen, um die Lage zu bestätigen‘ zur Methode ‚Wir testen, um vor die Lage zu kommen‘ wechseln (das belegt Südkorea eindrucksvoll)“, heißt es im Bericht. Eine zentrale Erfassung aller durchgeführten und zukünftig erfolgenden Tests sei unabdingbar.

Man müsse wegkommen von einer Kommunikation, die auf die Fallsterblichkeitsrate zentriert ist, so die Überzeugung im BMI. „Bei einer prozentual unerheblich klingenden Fallsterblichkeitsrate, die vor allem die Älteren betrifft, denken sich viele dann unbewusst und uneingestanden: ‚Naja, so werden wir die Alten los, die unsere Wirtschaft nach unten ziehen, wir sind sowieso schon zu viele auf der Erde, und mit ein bisschen Glück erbe ich so schon ein bisschen früher.‘ Diese Mechanismen hätten in der Vergangenheit sicher zur Verharmlosung der Epidemie beigetragen.

Die Bundesregierung müsse jetzt eine „umfassende Mobilisierungskampagne“ starten. Denn die Krise sei ein harter Schlag für das Vertrauen in die Institutionen. Devise: „Es kommt etwas sehr Bedrohliches auf uns zu, wir haben die Gefahr aber erkannt und handeln entschieden und überlegt. Wir brauchen ein Zusammenkommen und Wirken von allen Kräften in der Gesellschaft. Dann werden wir die Gefahr noch abwenden“. Das Verschweigen des Wort Case sei keine Option.

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