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Spahns Plan B

Versender werden gegen Boni-Deckel klagen

Berlin - Der Vorsitzende des Bundesverbands Deutscher Versandapotheken (BVDVA), Christian Buse, hält eine Klage gegen die von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vorgeschlagene Festschreibung der Rx-Boni in Höhe von 2,50 Euro für zwingend: „Als Unternehmer habe ich keine andere Wahl“, sagte Buse im Interview mit APOTHEKE ADHOC. Dieser Punkt des Spahn-Pakets sei „nicht akzeptabel“. Vor der morgigen Abstimmung der ABDA-Mitgliederversammlung warnte Buse Kammern und Verbände vor einer Blockade: „Ein kompromissloses ‚Nein‘ und der Erhalt des Status Quo wären eine Katastrophe für den politischen Dialog der Apothekerschaft.“

ADHOC: Als Knackpunkt des Plan B von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sehen die Vor-Ort-Apotheken den Rx-Boni-Deckel von 2,50 Euro für ausländische Versender. Wie bewerten Sie diesen Vorschlag?
BUSE: Es liegt bislang vom Bundesgesundheitsministerium kein offizieller und detaillierter Vorschlag auf dem Tisch. Bisher sind das nur Eckpunkte. Plan B von Minister Spahn wird daher noch unterschiedlich interpretiert. Ich habe den Minister so verstanden, dass die Eckpunkte der Start für weitere Gespräche sind. Die Apothekerschaft interpretiert das Paket dagegen als geschlossenes Angebot, zu dem sie nur Ja oder Nein sagen kann. Aus meiner Sicht ist das Boni-Thema verhandelbar.

ADHOC: In welche Richtung?
BUSE: Grundsätzlich halte ich eine Begrenzung der Rx-Boni für sinnvoll und klug. Aktuell werden Rx-Boni aus Holland mit bis zu 40 Euro pro Rezept angeboten. Dass man das mit Regularien eindämmen will, ist ja gut und vernünftig. Aber eines leuchtet natürlich niemandem ein: Warum Rx-Boni nur für Anbieter aus Holland gelten sollen und nicht auch für inländische Apotheken mit und ohne Versanderlaubnis.

ADHOC: Die ABDA pocht auf Gleichpreisigkeit, die soll wenigstens im Inland gerettet werden.
BUSE: Dieses Denken macht immer noch an den nationalen deutschen Grenzen halt. Die Realität ist aber anders. Es gibt nur einen Markt. Und dieser Markt ist Europa. Für die Kunden macht es keinen Unterschied, ob an der Haustür der Postbote klingelt und der Absender aus Holland kommt oder aus Deutschland. Das ist unreflektiertes Denken. Im Hinblick auf die Boni bedeutet das: Der Verbraucher denkt doch nicht, die Apotheke in Deutschland darf das nicht. Der fragt sich doch, warum macht sie das nicht. Der Kunde unterstellt uns per se: Die wollen das nicht. Das scheint auch für der Teile der Apothekerschaft so richtig zu sein, aber eben nicht für alle. Wir möchten auch solche Angebote unterbreiten, ob Vor-Ort- oder Versand-Apotheke. Wir haben doch auch in anderen Märkten wie der Versorgung von Kliniken, Dialysen und Rettungsdiensten keine Preisbindung und trotzdem funktionieren die Märkte hervorragend. Es gibt keinen Versorgungsnotstand bei Krankenhäusern bei der Versorgung durch Apotheken. Selbst bei den Margen bei der Versorgung von Privatversicherten und GKV-Versicherten gibt es Unterschiede. Die Möglichkeit, Boni in einem definierten Rahmen zu geben, ist ja auch eine Form von gleichen Möglichkeiten.

ADHOC: Vorausgesetzt die 2,50 Euro Rx-Boni für ausländische Versender stehen demnächst im deutschen Sozialrecht. Was macht der BVDVA dann?
BUSE: Der Bundesverband Deutscher Versandapotheken wäre ja nicht klagebefugt.

ADHOC: Aber Ihre Versandapotheke mycare.
BUSE: Natürlich. Und das würden wir dann auch tun müssen. Als Unternehmer habe ich keine andere Wahl. Entweder suche ich mir die passenden Rahmenbedingungen im Ausland oder wir versuchen, die Rahmenbedingungen mitzugestalten. Da ich die Arbeitslätze in Deutschland halten möchte, würden wir natürlich an den Rahmenbedingungen mitwirken. Ich bin aber zuversichtlich, dass es noch einen parlamentarischen Weg gibt, den Rx-Boni-Vorschlag zu modifizieren. Es gibt ja erkennbar auch in der Politik Bedenken, einen Sachverhalt zu schaffen, der nur zwei ausländische Unternehmen voranbringt und den ganzen Rest im Regen stehen lässt. Das kann doch nicht das Anliegen deutscher Politik sein. Außerdem: Niemand müsste 2,50 Euro Rx-Boni geben. Das ist ja nur ein Rahmen. Das funktioniert doch auch im OTC-Bereich. Es gibt Apotheken, die geben hohe Rabatte und andere nicht, nicht nur bei den Versandapotheken, sondern auch bei den Präsenzapotheken. Das würde sich auch im Rx-Bereich rasch einpendeln. Die Aufregung ist nur vorgeschoben. Aber Boni müssen für alle gelten.

ADHOC: Falls nicht: Ein Gerichtsverfahren wird lange dauern. Rechnen Sie damit, dass inländische Versender sich als Preisbrecher betätigen?
BUSE: Ich will nicht alle Handlungsoptionen durchspielen, bevor ein Gesetzestext vorliegt. Grundsätzlich bin ich aber kein Freund der Methode ‚Wir brechen mal Gesetze und schauen, was dabei herauskommt‘. Außerdem glaube ich an die politische Vernunft, dass man nicht einen ausländischen Standort bevorteilt. Das würde nur den Gegnern des EU-Binnenmarktes in die Karten spielen. Nochmals: Die Lösung heißt Boni mit Augenmaß für alle. Es gibt doch auch Vor-Ort-Apotheken, die gerne bei einem Folgerezept Boni geben würden. Da gibt es schon viele Gedankenspiele in den Apotheken. Das wäre ein kleines Stück Marktwirtschaft im stark regulierten Apothekenmarkt.

ADHOC: Wie bewerten Sie die Umsatzschwelle von 5 Prozent für den Rx-Versandanteil?
BUSE: Eine Boni-Umsatzschwelle ist durchaus vernünftig. Die flächendeckende Versorgung in Deutschland mit Arzneimitteln funktioniert doch nur über deutsche Apotheken. Der Maßstab hierfür sind die Regelungen für den Nacht- und Notdienst. Wenn die Versandumsätze von ausländischen Versandapotheken, die ja nicht am Nacht- und Notdienst teilnehmen, so stark ansteigen würden, dass man hier ein Problem bekäme, wäre eine Begrenzung sinnvoll. Das sehe ich aber faktisch nicht. In den USA gibt es schon lange Versandhandel und kein Defizit bei Vor-Ort-Apotheken. Daher habe ich mit einer Umsatzschwelle, ab der beim Rx-Boni nachjustiert würde, kein Problem. Das ist politisch pragmatisch.

ADHOC: Verbunden mit der für 2020 vorgesehenen Einführung des eRezepts: Ist Spahns Plan B ein Konjunkturprogramm für den Rx-Versandhandel?
BUSE: Das eRezept bringt für jede Apotheke eine deutliche Erleichterung. Auch das Geschäft der Versandapotheken würde natürlich viel leichter. Vermutlich werden dann mehr Kunden den Rx-Versandhandel nutzen.

ADHOC: Welchen Marktanteil kann der Rx-Versandhandel mit dem eRezept bis 2025 erreichen?
BUSE: Das ist schwer zu sagen: Was ist eigentlich Rx-Versand? Viele Spezialpräparate wie Zytostatika, Ophtalmologika etc. werden heute quer durch Deutschland transportiert. Ist das Botendienst oder Versandhandel? Aber unabhängig von der Trennschärfe des Begriffs: 5 Prozent reiner Rx-Versand sind schon eine große Hausnummer, die sich nicht so schnell umsetzen lässt. Heute werden 8 Millionen Rx-Packungen versendet. Das wären dann 40 Millionen Stück. Das ist natürlich ein Kapazitätsthema bei einer so gigantischen Steigerung. Das ist nicht unmöglich, aber nicht von heute auf morgen umsetzbar, es wird keinen explosionsartigen Anstieg geben. Außerdem hängt das auch davon ab, wie sich die Präsenzapotheken auf die veränderten Kundenwünsche und Marktbedingungen einstellen.

ADHOC: Was meinen Sie damit?
BUSE: Rx-Boni sind doch Kundenbindungsinstrumente. Das kann doch für die Apotheken auch ein gute Option sein. Außerdem sieht Spahns Paket für die Apotheken weitere Entfaltungsinstrumente und neue Honorare für Dienstleistungen vor. Die Vor-Ort-Apotheken sind dem Versandhandel nicht wehrlos ausgeliefert. Das ist ein Märchen. Aber wenn von den Standesorganisationen der Apotheker nichts Zukunftsorientiertes kommt, was die Politik überzeugt, versucht die Politik den Markt zu entwickeln.

ADHOC: Was raten Sie Kammern und Verbänden für die Abstimmung am 17. Januar in der ABDA-Mitgliederversammlung: Ja oder Nein zu Spahns Plan B?
BUSE: Hätten die Kammern und Verbände den Ratschlag der deutschen Versandapotheken erfragt, hätten Sie einen bekommen. Nur so viel: Der für mich einzig unverständliche Punkt in Spahns Paket ist der exklusive Rx-Boni-Vorschlag für Holland. Das ist nicht akzeptabel. Ich bin überzeugt, dass man diesen Punkt verhandeln kann. Ich fürchte nur, dass die Apotheken hier stärker bremsen als das Ministerium. Ein kompromissloses „Nein“ und der Erhalt des Status Quo wäre eine Katastrophe für den politischen Dialog der Apothekerschaft.

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