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Sars-CoV-2 – ein behülltes Virus

Desinfektionsmittel: Nicht alles wirkt

Berlin - Alkoholbasierte Desinfektionsmittel sind zur Mangelware geworden. Obwohl Apotheken durch Ausnahmeregelung zur Biozidverordnung entsprechende Zubereitungen auf Isopropanolbasis herstellen dürfen, kann die Nachfrage nicht gedeckt werden. Alternative Rezepturen mit ätherischen Ölen oder Vitamin C kursieren im Netz. Zahlreiche Kunden erachten auch die zusätzliche Desinfektion der Schleimhäute als sinnvolle Präventionsmaßnahme. Da Alkohol auf Schleimhäuten und Wunden brennt, werden andere Wirkstoffe nachgefragt: Polihexanid, Octenidin und Povidon-Iod. Doch wie geeignet sind diese Stoffe zur Bekämpfung des Coronavirus?

Sars-CoV-2 ist ein behülltes Virus aus der Gruppe der Coronaviren. Zur Inaktivierung des Keims auf Oberflächen sind Desinfektionsmittel mit nachgewiesener begrenzt viruzider Wirksamkeit nötig. Desinfektionsmittel mit den Wirkbereichen viruzid, begrenzt viruzid und begrenzt viruzid plus können eingesetzt werden.

Octenidin-HCl

Das Breitband-Antiseptikum ist für die Wunddesinfektion auf Schleimhäuten und Haut gedacht. Octenidin-HCl ist gut wirksam gegen Bakterien und Pilze. Bei den Viren ist die wirkung begrenzt: Hier wirkt der Stoff nur bei behüllten Viren, auch lipophile Viren genannt. Gegen Sars-CoV-2 besteht eine Wirkung – nach längerem Einreiben (mindestens eine Minute) wird das Virus abgetötet.

Die Wirkung beruht auf Ionen-Wechselwirkungen mit der Zellmembran: Das Octenidin-Kation geht in Wechselwirkung mit den negativ geladenen Anteilen der Zellwand oder der Zellmembran des Mikroorganismus. Da Sars-CoV-2 diese lipophile Hülle besitzt, besteht ein Angriffspunkt – das Virus überlebt nicht.

Der keimtötende Effekt tritt nach 60 Sekunden ein. Octenidin-HCl gilt als gut verträglich. Gelegentlichen kommt es nach dem Auftragen zu Brennen oder Juckreiz. Wird der Stoff in der Mundhöhle angewendet, kann es zu reversiblen Geschmacksstörungen kommen. Der Geschmack ist bitter. Die Anwendung im Gehörgang und im Auge ist kontraindiziert. Der Wirkstoff darf nur oberflächlich angewendet werden, da es bei der Anwendung in Körperhöhlen und tieferem Gewebe zu Schädigungen und im schlimmsten Fall Nekrosen kommen kann. Octenidin-HCl hinterlässt allerdings, anders als Alkohole, einen klebrigen Film auf der Haut.

Polihexanid

Polyhexanid ist eine antiseptisch wirkende Substanz. Neben Verletzungswunden wird es auch als Wundauflage bei schlecht heilenden, chronischen Wunden angewendet. Aufgrund einer selektiven Wirkung gegenüber negativ geladenen sauren Lipiden bakterieller Zellmembranen hat Polihexanid eine große therapeutische Breite gegenüber Bakterien. Der Wirkmechanismus beruht auf einer Ionen-Wechselwirkung mit der Membran von Bakterien: Der kationische Biguanidteil interagiert mit sauren Phospholipidpartialstrukturen der bakteriellen Zellmembran und erhöht deren Permeabilität. Durch hohe Kaliumaustritte setzt der Zelltod ein.

Eine viruzide Wirkung wird bisher nur vermutet, aufgrund von strukturellen Ähnlichkeiten zu Chlorhexidin lässt sich von einer begrenzten viruziden Wirkung ausgehen. Zu Desinfektion von intakter Haut ist der Stoff prinzipiell geeignet, jedoch besteht keine Wirkung gegen unbehüllte Viren. Ob Polihexanid ausreichend gegen Coronaviren wirkt ist nicht belegt.

Povidon-Iod

Povidon-Iod ist ein Antiseptikum, welches zur Versorgung von Wunden angewendet wird. Zur topischen Anwendung werden meist 5- bis 10-prozentige Lösungen verwendet. Die Zubereitungen haben einen charakteristischen Geruch und eine rot-braune Farbe. Diese verbleibt nach der Anwendung bis zu mehreren Tagen auf der Haut, sodass der Einsatz meist nur präopterativ in der Klinik stattfindet. Für den Einsatz bei kleinen Wunden stehen PVP-Salben zur Verfügung. Nach dem Auftragen müssen die Wunden mit einer Wundauflage abgedeckt werden, da ansonsten die Kleidung eingefärbt wird. Das Wirkspektrum ist breit: Povidon-Iod ist antibakteriell, sporozid, fungizid und viruzid. Verglichen mit vergleichbaren Arzneistoffen (Polyhexanid etc.) weist Povidon-Iod kaum Wirkungslücken auf. Für die regelmäßige Händedesinfektion ist eine Iod-Lösung aufgrund der Einfärbung nicht geeignet. Coronaviren würden jedoch abgetötet werden. Je nach Erreger müssen die Lösungen und Salben länger einwirken.

Melissengeist, 4711, Benzin & Co.

Klosterfrau Melissengeist enthält eine Kombination aus 13 Heilpflanzen, die das vegetative Nervensystem des Anwenders wieder ins Gleichgewicht bringen soll. Die traditionelle Lösung kann dermal und oral angewendet werden und soll Erkältungssymptome, Magen-Darm-probleme oder Schlafstörungen lindern. Die Naturarznei besitzt einen Alkoholgehalt von 80 Prozent – verarbeitet sind Ethanol 96 Prozent (V/V) in gereinigtem Wasser.

Auch ein Parfum geriet beim Thema alternative Desinfektionsmittel in die Diskussion. Das Echt Kölnisch Wasser wurde als geeignet gegen Corona beworben. Der Alkoholgehalt sei, wie bei zahlreichen Düften, sehr hoch. Bei Kölnisch Wasser liegt er etwa bei etwa 85 Prozent – eine Desinfektion der Hände würden also erfolgen.

Auch andere Substanzen als Alkohol wirken desinfizierend. Benzin, das aus einer fraktionierten Destillation aus Erdöl gewonnen wird, kann ebenfalls Keime abtöten. Aus der Apotheke bekannt ist das sogenannte Wundbenzin. Bei der Flüssigkeit handelt es sich um einen extrem reinen Petrolether. Wundbenzin unterscheidet sich zu anderen Benzinformen des Gemisches durch seinen Reinigungsgrad: Das Gemisch enthält gesättigte Kohlenwasserstoffe, die hauptsächlich aus sechs und sieben Kohlenstoffatomen bestehen. Wundbenzin wird für die Entfernung von Pflastern und Pflasterrückständen und zur Entfettung der Haut verwendet. Zur großflächigen und wiederholten Anwendung auf der Haut ist der Stoff weniger geeignet – es kommt sehr schnell zur Austrocknung der Haut, sodass die Hautbarriere gestört wird und Keime leichter eindringen können. Petrolether (n-Hexan), einer der Hauptbestandteile des Wundbenzins, wird im Körper zu neurotoxischen Stoffen metabolisiert. Wundbenzin steht im Verdacht reproduktionstoxisch zu sein. Der Stoff gilt als obsolet, eine Anwendung am Menschen sollte nicht mehr erfolgen.

Überleben auf Oberflächen (Türklinken, Tastatur, Handläufe)

Die Widerstandsfähigkeit von Sars-CoV-2 auf Oberflächen ohne Wirt zu überleben, die sogenannte Tenazität, ist aktuell nicht sicher bekannt. Bei anderen human-pathogenen Coronaviren weiß man, dass die Überlebenszeit auf Oberflächen wie Metall, Glas oder Plastik stark von den äußeren Bedingungen wie Temperatur und Luftfeuchtigkeit abhängt. Während HCoV-229E auf Plastik bereits nach 72 Stunden seine Infektiösität verliert, bleibt SARS-CoV-1 bis zu sechs Tage infektiös. Da SARS-CoV-2 starke strukturelle Ähnlichkeiten zu SARS-CoV-1 hat, sind ähnlich lange „Überlebenszeiten“ zu erwarten.

Rezepturen aus der Apotheke

Da Desinfektionsmittel wie Sterillium oder Desderman aktuell nicht mehr lieferfähig sind, wurde die Biozidverordnung vorrübergehend gelockert. Was genau Apotheken herstellen dürfen, ist explizit geregelt und auf die die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen Formulierung beschränkt.

10 Liter Lösung auf Isopropanolbasis setzen sich wie folgt zusammen:

  • 99,8-prozentiger Isopropylalkohol 7515 ml
  • 3-prozentiges Wasserstoffperoxid 417 ml
  • 98-prozentiges Glycerol 145 ml
  • steriles Wasser ad 10000 ml

10 Liter Lösung auf Ethanolbasis setzen sich wie folgt zusammen:

  • 96-prozentiger Ethanol 8333 ml
  • 3-prozentiges Wasserstoffperoxid 417 ml
  • 98-prozentiges Glycerol 145 ml
  • steriles Wasser ad 10000 ml

Es ergibt sich ein 80-prozentiges Desinfektionsmittel für intakte Haut. Ethanol-Wasser-Gemische fallen zwar in die zulassungsfreie Kategorie, die Herstellung muss jedoch der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) gemeldet werden. Die vorrübergehende Lockerung der Biozidverordnung bezieht sich auf 2-Propanol-Wasser-Gemische, diese können bis zum 31. August ohne Meldung hergestellt werden.

Die Rezepturen sind antibakteriell und viruzid – der Corona-Virus wird zuverlässig abgetötet. Die Formulierungen enthalten neben der desinfizierenden Komponente auch Glycerol und Wasserstoffperoxid. Für die Rezeptur bietet das einen klaren Vorteil: Durch die Zugabe der beiden Stoffe wird die Lösung sporenfrei – die Filtration durch einen Membranfilter der Porenweite 0,2 μm kann entfallen.

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