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Kommissionierautomaten

„Ich mach dich fertig“

Berlin - Eine Verfolgungsjagd auf der Autobahn, wüste Beschimpfungen bis hin zu persönlichen Drohungen und Geheimverhandlungen mit Investoren: Der neueste Streit von Easy-Gründer Oliver Blume hat das Zeug für einen Wirtschaftskrimi. Mit seinem Kompagnon Markus Riedl liegt er komplett über Kreuz, nun treffen sich die beiden Unternehmer vor Gericht.

Nachdem Blume bei Easy von den eigenen Investoren vor die Tür gesetzt wurde, wollte er mit neuem Konzept von vorne anfangen. Apoland sollte „Easy 3.0“ werden, Herzstück war ein Kommissionierer, den Blume aufgrund des niedrigen Preises als „Aldi-Variante für Apotheken“ bezeichnete.

Für das Projekt schloss sich Blume im Herbst 2013 mit Markus Riedl zusammen; der Gründungsgesellschafter und Chefentwickler bei Mach4 hatte sich fünf Jahre zuvor mit einem eigenen Automaten selbstständig gemacht. Riedl wurde mit 25 Prozent Teilhaber bei der neu gegründeten Vertriebsfirma Roboland, im Gegenzug wurde Blume mit knapp 10 Prozent an Riedls Unternehmen beteiligt, das den Kommissionierer mit dem Namen „Findus“ produzieren sollte.

Damit waren Probleme programmiert, denn von Anfang an gab es Interessenkonflikte: Riedl profitierte umso mehr, je teurer die Automaten waren, die über Roboland verkauft wurden. Blume dagegen hatte ein Interesse an möglichst niedrigen und langfristig vereinbarten Einkaufspreisen. So gab es wiederholt „hitzige Diskussionen“ über die Kalkulation.

Auch die angespannte Liquiditätslage stellte die Partner vor eine Zerreißprobe. Sowohl Riedl als auch Blume hatten ihre jeweilige Finanzkraft eingangs offenbar besser dargestellt, als sie tatsächlich war. Deshalb zeichnete sich schnell ab, dass ein dritter Investor nötig sein würde. Im Mai 2014 bekundete der italienische Hersteller GPI Interesse, doch als zwei Monate später noch kein Deal zustande gekommen war, zog die Gruppe ihre Absichtsbekundung zunächst zurück.

Als Riedl im August 2014 in Weimar mit der Sparkasse Mittelthüringen über einen Kredit von 500.000 Euro verhandelte, den die Hausbank sofort fällig zu stellen drohte, platzte Blume herein. Er wollte an dem Gespräch teilnehmen, musste aber, da er kein Geschäftsführer war, den Raum wieder verlassen.

Bei dem anschließenden Gespräch zeigte sich, wie zerrüttet das Vertrauensverhältnis längst war: Nicht nur Blume, sondern auch Riedl hatte offenbar im Geheimen weiter mit GPI verhandelt. Der Easy-Gründer verlor die Beherrschung, er sprang auf, lehnte sich über den Tisch zu Riedl und fauchte: „Ich mach dich fertig.“ Sofort sprang ein Berater von Riedl auf und drohte Blume laut Aussage von Zeugen damit, ihm bei der Reduktion seines Bauchumfangs unter Einsatz eines Messers behilflich zu sein und dieses Messer an einer Stelle einzusetzen, an der es „besonders weh“ tue. Wütend stürmte Blume daraufhin aus dem Raum.

Zwar versuchten die beiden Unternehmer in den darauf folgenden Wochen, sich mit Hilfe ihrer Berater auf eine gemeinsame Linie zu verständigen. Doch dafür war es zu spät: Ende September stand Apoland/Roboland auf der Expopharm ohne Kommissionierer da. Blume machte aus der Not eine Tugend und empfing die Messegäste in einer schwarzen Box. Die außergewöhnliche Aktion kam bei den Besuchern gut an – weil niemand die eigentlichen Hintergründe kannte.

Kurz darauf kam es zum endgültigen Bruch: Am 1. Oktober 2014 tauchte Blume plötzlich mit einem Mitarbeiter am Produktionsstandort von Riedl in Aue bei Ilmenau auf. Ob die beiden nur die Toilette aufsuchten oder auch durch die Produktionsräume streiften und dabei die Abläufe störten, lässt sich nicht mehr rekonstruieren.

Jedenfalls verfolgten sie Riedl und eine Angestellte danach zum Steuerberater nach Erfurt. An einer Tankstelle lies Riedl seinen Kompagnon telefonisch wissen, dass es sich um einen privaten Termin handele, doch auf der Autobahn war Blumes Wagen wieder da. Erst am Fahrstuhl versperrte Riedls Angestellte den Verfolgern schließlich den Weg, Blume nahm die Treppe, doch die Tür zum Büro wurde vor seiner Nase zugeschlagen.

Zwei Wochen später zog Riedl die Reißleine. Bei einer Gesellschafterversammlung warf er Blume aus der Firma; all die geschilderten Vorkommnisse hätten die Zusammenarbeit unzumutbar gemacht. Dazu kämen Kalkulationsfehler und Täuschungen, der Versuch der Anstiftung und der Missbrauch von Auskunftsrechten sowie unberechtigte Anschuldigungen und nicht eingehaltene Investitionszusagen. Auch ein zur Unzeit gekündigtes Darlehen und schließlich der Versuch der feindlichen Übernahme und die Behinderung von kritischen Finanzierungs- und Investorengesprächen rechtfertigten laut Riedl die Zwangsabfindung des Kompagnons.

Vor allem aber hätten sich die Rechtsverhältnisse bei Blumes Holdinggesellschaft geändert, begründete Riedl die satzungsgemäße Einziehung der Anteile. Im Streit um Easy hatte Blume seine damalige Frau zur Treuhänderin gemacht, um so auch als Vorstand indirekt an allen Abstimmungen im Gesellschafterkreis teilnehmen zu können. Dass er sich im Frühjahr 2014 nun wieder selbst bei seiner Holding eintragen ließ – die mittlerweile nicht mehr bei Easy, dafür aber bei Riedl beteiligt war –, genügte seinem neuen Kompagnon als Eigentümerwechsel, der laut Gesellschaftsvertrag ausgeschlossen war.

Das Thüringer Oberlandesgericht (OLG) ließ diese Argumentation nicht gelten und erklärte den Zwangseinzug für nichtig. Blume hatte Riedl bereits im Juni 2013 bei einem Gespräch im Restaurant Rampoldi unter Zeugen über die Konstruktion informiert. Mit den neuen Besitzverhältnissen bei der Holding habe sich daher für Riedl keine Veränderung ergeben, kassierten die Richter das Urteil der Vorinstanz. Auch die anderen Gründe, mit denen Riedl die Einziehung begründet hatte, ließen sie nicht gelten. Gegen die Nichtzulassung der Revision kann Riedl noch Beschwerde einlegen; Blume versucht derweil im Eilverfahren, seine Anteile im Handelsregister wieder eintragen zu lassen.

So oder so gehen alle Beteiligten als Verlierer vom Platz: Riedl hat die Mehrheit der Anteile 2017 an GPI beziehungsweise CEO Alessandro Zanotelli verkauft, mit der Option der Komplettübernahme. Vielleicht nutzen die Italiener die Chance für den Rückzug, denn mit der Ausstattung des DocMorris-Automaten in Hüffenhardt dürfte sich die Firma Riedl in der Branche nicht nur Freunde gemacht haben.

Blume wiederum kann nur auf eine finanzielle Entschädigung hoffen, nachdem er bislang nicht davon ausgegangen war, dass Riedl seine Abfindung überhaupt würde zahlen können. Mit ihm anstelle des Investors aus Italien stünde die Firma jedenfalls genauso schlecht da wie zuvor. Sein Projekt Roboland wiederum dürfte ohne den erhofften Billiglieferanten unrealisierbar sein, Apoland besteht nach wie vor aus zwei Apotheken in Hildesheim und Castrop-Rauxel, wobei letztere bei Gesund leben angedockt hat.

Blume hatte Easy 2004 gegründet, schon damals gehörten Morddrohungen und privatdetektivliche Beschattungen zum Gründungsmythos. 2010 holte er wegen Liquiditätsengpässen neue Investoren an Bord, kurz darauf trat Finanzvorstand Jörg Paulmann wegen angeblicher Unstimmigkeiten in der Buchhaltung zurück. Blume wurde 2011 im Rahmen eine Kapitalerhöhung die Mehrheit am Unternehmen abgenommen, in der Folge wurde er auch als Vorstandschef abgelöst. Später wurden ihm die restlichen Anteile ausbezahlt.

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