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KBV: Gematik soll Verantwortung übernehmen

TI-Probleme: „Für Apotheken eine absolute Katastrophe“

Fortschritt oder Durchhalteparolen? Die Gematik lobt, dass bereits zwei Drittel der Konnektoren in deutschen Arztpraxen wieder einsatzfähig sind. Die Ärzte wiederum wollen für den Ärger entschädigt werden.Foto: shutterstock.com/ Yuri Gurevich

Berlin - Tausende Arztpraxen können immer noch keine Versichertenkarten auslesen – die Verbindungsprobleme der Telematikinfrastruktur (TI) halten die vierte Woche in Folge an. Immerhin: Die Gematik vermeldet Fortschritte. Beim Konnektorenanbieter Red Medical empfindet man das als Hohn: „Was von der Gematik hier als Erfolg verkauft wird, ist tatsächlich eine Kapitulationserklärung“, kritisiert dessen Geschäftsführer Jochen Brüggemann.

„Unsere gemeinsamen Unterstützungsmaßnahmen zeigen Erfolge für alle Betroffenen“, zeigt sich Björn Kalweit, Leiter Operations bei der Gematik, erfreut. „Dank der Anstrengung aller Akteure – besonders der VPN-Zugangsdienst-Anbieter – und der engen Kommunikation untereinander verzeichnen wir deutliche Fortschritte. Ein gutes Signal!“ Medizinische Einrichtungen, die nach wie vor von der Störung betroffen sind, seien aktuell in ihren Praxisabläufen kaum beeinträchtigt. „Das Einlesen der elektronischen Gesundheitskarte funktioniert auch offline“, so die Gematik. Denn die Leistungserbringer könnten stattdessen einen abrechnungsrelevanten Prüfnachweis schreiben.

Die TI-Gesellschaft sei sich darüber bewusst, „dass die Behebung des Problems von allen Beteiligten einen gemeinsamen Einsatz erfordert“ und bitte alle betroffenen medizinischen Einrichtungen, entweder das zur Beseitigung erforderliche Update zügig selbst vorzunehmen oder umgehend, nämlich noch in diesem Monat, einen Termin mit den jeweiligen IT-Servicepartner zu vereinbaren, um das erforderliche Update in Zusammenarbeit manuell per Fernwartung oder bei einem Vor-Ort-Termin einzuspielen.

Die meisten Arztpraxen müssen das der Gematik zufolge aber auch gar nicht mehr offline machen. Rund zwei Drittel der Konnektoren seien nämlich schon wieder einsatzbereit. „Wenn zwei Drittel verbunden sind, dann ist es ein Drittel nicht“, wendet Brüggemann ein. „Was hier als ‚gutes Signal‘ dargestellt und mit beruhigenden Worten beschrieben wird, stellt für Apotheken eine absolute Katastrophe dar.“ Denn im aktuellen Entwurf der Gematik sei eine Offline-Variante des eRezeptes nicht vorgesehen. „Das bedeutet, dass Apotheken, deren Konnektor nicht mit der TI verbunden ist, keine eRezepte empfangen können.“

Brüggemann sieht in den aktuellen Problemen ein Argument für sein eigenes Geschäftsmodell: Red Medical bietet Apotheken und Praxen eine TI-Verbindung ohne Konnektor vor Ort. Stattdessen stehen die kleinen Kästen zentral in Rechenzentren, die wiederum mit den Apotheken verbunden sind. „Nur bei Konnektoren, die in einem Rechenzentrum gehostet werden, ist bei einem vergleichbaren Problem eine schnelle und interaktionslose Behebung des Problems möglich“, wirbt Brüggemann. „Bei Red Telematik musste kein Anwender einen Termin mit uns vereinbaren, keine Fernwartung durchgeführt werden und kein Techniker vor Ort Hand anlegen.“

Die Gematik wiederum will aus den Problemen ihre Lehren ziehen. „Wir haben viel aus dem aktuellen Vorfall gelernt“, so Kalweit. „Basierend darauf werden wir unsere Maßnahmen zur Stabilität der Telematikinfrastruktur mit Unterstützung des Gesetzgebers zukünftig noch stärker ausbauen.“ Das sehen die Ärzte selbst ähnlich. Ende vergangener Woche hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) nämlich ihre eigenen Schlüsse gezogen und eine Resolution verabschiedet, mit der sie der Gematik Druck machen will. „Seit drei Wochen beschäftigen wir uns mit einer gravierenden Störung der zentralen Telematikinfrastruktur (TI), die potentiell alle Praxen betrifft. Seit drei Wochen sind viele Praxen von der Digitalisierungsinfrastruktur abgeschnitten. Dadurch können sie verschiedenen gesetzlichen Aufträgen (…) nicht mehr gerecht werden“, heißt es in der Resolution.

Eine Schuld treffe die Ärzte für die Situation nicht. „Es ist für sie oft nicht möglich, den Fehler überhaupt zu erkennen“, so die KBV. Vielmehr müssten sie die Fehler der Gematik ausbaden. „Das Vertrauen der Ärzteschaft steht auf dem Spiel – gleichzeitig verlieren auch die Bürgerinnen und Bürger das Vertrauen in eine funktionierende TI und damit in eine erfolgreiche Digitalisierung des Gesundheitswesens.“ Deshalb müsse die Gematik für die Zukunft Notfallkonzepte erarbeiten, die ähnliche Probleme verhindern – denn die künftige Versorgung werde von einem reibungslosen Funktionieren der TI abhängen. „Und auch künftig muss gelten: Die Praxen dürfen nicht für etwas zur Verantwortung gezogen werden, was sie nicht verursacht haben“, so die KBV. Den Praxen dürften durch einen solchen Ausfall keinerlei Kosten entstehen, es dürfe deshalb auch keine Sanktionen geben und es müsse eine klare Regelung her, dass die Praxen von den Kosten der Fehlerbehebung und der Rechnungsabwicklung freigestellt werden. Dies betreffe auch Folgekosten wie nicht mögliche Abrechnungen. „Hier muss eine klare verursacherbezogene Schadensersatzregelung gefunden werden. Insgesamt dürfen den Praxen durch solche Vorfälle keinerlei Aufwände, weder finanziell noch organisatorisch, entstehen“, so die KBV. „Wir erwarten jetzt und für die Zukunft, dass die Gematik zu dieser Verantwortung steht!“

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