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300 Liter am Tag

Marien-Apotheke: Desinfektionsmittel aus dem Prozesskessel

Berlin - Manchmal muss man seine Kapazitäten kreativ einsetzen, wenn die Umstände es verlangen: Die Marien-Apotheke im bayerischen Neukirchen beim Heiligen Blut versorgt eigentlich zwei Hautkliniken und hat darum allerlei Maschinen zur Herstellung von Cremes, Ölen und Salben. Erst kürzlich hatte sich der Familienbetrieb deshalb einen 300 Liter großen Prozesskessel zugelegt. Doch dann kam das Virus. Jetzt stellen sie täglich hunderte Liter Desinfektionsmittel darin her.

„Wir sind eine kleine Manufaktur. Das macht Freude, denn genau das sind die urapothekerlichen Tätigkeiten“, erklärt Inhaber Bernhard Kram. „Es ist ein Betrieb, der noch Freude macht.“ Er betreibt die Marien-Apotheke gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder und seinem Vater. „Aber den wollen wir gerade nicht hier haben“, sagt er augenzwinkernd. Denn der Vater ist mit über 70 zwar noch sehr fit und „Apotheker aus Leidenschaft“, wie sein Sohn es nennt – aber Risikogruppe ist Risikogruppe. Seit zehn Tagen ist er nun in Isolation.

Seitdem stemmen seine beiden Söhne den Betrieb und haben alle Hände voll zu tun. „Es steht Kopf, und zwar komplett“, sagt Kram. Eigentlich hatten sich die Krams für die Herstellung von Muskel- und Gelenköl einen 300 Liter großen Prozesskessel zugelegt. „Aber das Projekt ist durch Corona erst einmal geplatzt, der Bedarf hat sich verschoben.“ Also rüsteten sie um auf Desinfektionsmittel.

„Wir haben generell so große Maschinen, weil wir Krankenhäuser beliefern“, erklärt Krams. Zwei Hautkliniken werden von der Apotheke versorgt und für die könne die Apotheke so ziemlich alles herstellen, von Salben über Cremes, bis zu Lotionen und Shampoos, Masken und Peelings, sogar Zahnpasta. Entsprechend sieht auch der Maschinenpark der Apotheke aus, von Abfüll- über Etikettiermaschinen bis zu mehreren Rührmaschinen mit verschiedenen Volumina – die größte kann 60 Kilogramm verarbeiten.

„Es gibt nichts, was nicht geht“, wie Kramer betont. „Wir mussten nichts umrüsten, es ist ein großer Kessel, der mit Startstrom angetrieben wird. Er ist explosionsgeschützt, kann also auch Alkohol verarbeiten.“ Die technischen Kapazitäten sind also gegeben – nur die Ausgangsstoffe müssen organisiert werden.

„Im Moment stehen alle Hersteller mit runtergelassenen Hosen da“, sagt Kram. Doch auch hier ist seine Apotheke durch ihre bisherigen Tätigkeiten gut aufgestellt. „Der Umstand, dass wir bisher schon große Mengen verarbeitet haben, kommt uns gerade zugute. Wir hatten auch vor der Coronakrise schon eine Bescheinigung, dass wir steuerfrei Alkohol verarbeiten können.“ Dabei sei der Alkohol momentan gar nicht das große Problem. „Die wirklich wichtigen Stoffe wie Ethanol reißen nicht ab, Versorgungsprobleme gibt es erst, wenn Glycerin und Wasserstoffperoxid knapp werden, zumindest bei uns hier in der Region.“ Bisher sei der Rohstoffnachschub gesichert, rund 1000 Liter könnten sie mit den jetzigen Materialien noch herstellen.

Und die könnten schnell weggehen. „Wir kommen gerade kaum hinterher, wir schieben fast jede Nacht 300 Liter durch und die sind am nächsten Tag schon wieder weg.“ Dabei geht das Desinfektionsmittel gar nicht in den Privatverkauf, sondern nur an Krankenhäuser und Arztpraxen. „Das wird nur in Kanistern ausgeliefert. Uns steht gar nicht der Sinn danach, das jetzt auch noch in 100ml-Flaschen abzufüllen.“ Eine Weile werden sie zwar noch durchhalten müssen – Kram geht davon aus, dass die Pandemie gerade erst beginnt und uns noch einige Monate begleiten wird. Der Plan mit dem Muskel- und Gelenköl ist aber trotzdem nicht abgeschrieben. „Das wollen wir in dem Kessel auch noch machen – aber erst, wenn der Spuk vorbei ist.“

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