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Undine-Apotheke

Moral-Apotheker Kersten: „Die Kraft hat nicht mehr gereicht“

Berlin - Andreas Kersten hat mit dem Apothekerleben abgeschlossen. Die ständig zunehmende Bürokratisierung, die immer schwierigeren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und nicht zuletzt der Gegenwind, den er wegen seiner kontroversen Haltung zur Schwangerschaftsverhütung zu ertragen hatte, haben ihn mürbe gemacht. Die 1961 gegründete und mehrfach bei Anschlägen beschädigte Undine-Apotheke in Berlin-Neukölln ist seit Anfang des Monats Geschichte.

„Die Kraft hat nicht mehr gereicht“, sagt der 59-Jährige Pharmazeut. „Ich bin jetzt etwas älter und diese 60-Stunden-Wochen werden nicht mehr leichter. Ich war jetzt 40 Jahre in der Pharmazie, jetzt kann ich es auch gut sein lassen.“ Den Moment des Innehaltens nach großen Umbrüchen konnte sich Kersten allerdings noch nicht gönnen, bisher ist er nicht zur Ruhe gekommen. Wenigstens bei der Abwicklung lief aber alles rund, vor allem mit den Mitarbeitern. „Ich habe das sozialverträglich gut hingekriegt“, beteuert er.

Dabei war die Schließung des Betriebs nicht seine erste Wahl. Nachfolger hat er gesucht, vergebens. „Ich war in den letzten anderthalb Jahren mit sieben bis zehn potenziellen Bewerbern im Gespräch“, erklärt er. „Aber wenn die dann die Zahlen gesehen haben, haben sie jedes mal dankend abgelehnt.“ Kersten sieht das Schicksal seiner eigenen Offizin als Teil eines größeren Trends: „Es geht ja in Berlin rund mit den Apothekenschließungen. Für kleinere Betriebe wie meinen, mit weniger als einer Million Euro Umsatz, wird es immer schwerer.“

Auch Mitarbeiter des Großhandels hätten ihm schon gesagt, dass es in Berlin gerade eine „Flurbereinigung“ bei den kleinen und mittleren Apotheken gebe. Tatsächlich ist die Zahl der Apotheken in der Hauptstadt laut ABDA in den letzten Jahren doppelt so schnell gesunken wie im bundesdeutschen Durchschnitt. Gab es zum Jahresende 2015 noch 854 Betriebsstätten, waren es zwei Jahre später nur noch 812 – ein Minus von knapp 5 Prozent, gegenüber 2,5 Prozent bundesweit.

Kersten konnte das aus nächster Nähe beobachten. „Ich kenne bestimmt zehn Apotheken allein in meiner direkten Umgebung, die in den letzten Jahren geschlossen haben“, erinnert er sich. Woran das liegt, kann er sich selbst auch nicht so recht erklären. „Es muss ja irgendwas strukturelles sein“, mutmaßt er.

Die Mieten spielen sicherlich eine Rolle, so seine Vermutung, schließlich sind in keiner deutschen Großstadt die Preise in den letzten zehn Jahren so sehr explodiert wie in Berlin. „Ich selbst hatte da noch sehr viel Glück mit meiner Vermietung, die waren sehr sozial. Wenn die schon vor zehn Jahren die Miete erhöht hätten, hätte ich wahrscheinlich schon vorher schließen müssen.“ Auch die Personalkosten und die immer kompliziertere Mitarbeitersuche kämen infrage: „Die Mitarbeiter hätten ein besseres Gehalt verdient, aber die meisten Apotheker können nicht mehr zahlen.“

An den Kunden könne es nicht liegen – zumindest habe es das bei ihm nicht. „Meine Kundenfrequenz war immer stabil“, sagt er. „Viele haben mir bis zum Schluss die Treue gehalten“, obwohl – oder gerade weil – der gläubige Katholik mit seiner ablehnenden Haltung zur Schwangerschaftsverhütung oft angeeckt und zur Zielscheibe von Aktivisten geworden ist.

Seit 2002 hatte er sich trotz Kontrahierungszwang geweigert, die Pille danach abzugeben und damit eine Menge Zorn auf sich gezogen. Zum Weltfrauentag 2009 gab es erstmals eine Demonstration gegen ihn, in den darauffolgenden Jahren drehte sich die Eskalationsspirale weiter. Farbbeutel flogen gegen die Apotheke, mehrfach gingen die Schaufenster zu Bruch. Kunden zeigten sich empört, nachdem er eigenhändig eine zweite Packungsbeilage in Kondompackungen geschoben hatte. Darin legte er den Anwendern nahe, die Verwendung von Verhütungsmitteln sorgsam abzuwägen und sich der Lebensbereicherung durch Kinder bewusst zu werden.

Ob er wegen seines unkonventionellen Engagements jemals berufsrechtliche Schwierigkeiten hatte, will er nicht sagen. Zumindest bei den Kunden habe es ihm nicht geschadet. „Ich weiß natürlich nicht, wie viele wegen meines Engagements weggeblieben sind“, sagt er. „Mir wurde aber oft von Kunden gesagt, dass sie es gut finden, dass ich Gesicht zeige – auch von solchen, die meine Ansichten überhaupt nicht teilen!“

Nach den Anschlägen auf seine Apotheke gefragt, wirkt er überraschend ausgeglichen. „Ich bin ein Mensch, der niemanden verurteilt“, sagt er. „Ich bin ja selber fast noch ein alter 68er und früher gegen Atomraketen auf die Straße gegangen. Aber alles, was mit Gewalt zu tun hat, muss man natürlich ablehnen. Man kann ja nicht etwas Gutes fordern und das dann mit Gewalt machen.“

Etwas Gutes tun – das sei es auch, was er jetzt will. Was genau das sein wird, weiß er noch nicht. Mit seinem bisherigen Beruf hat er jedenfalls abgeschlossen. „Nach den ganzen Geschichten um mich würde mich doch als Apotheker eh keiner mehr nehmen“, sagt er ohne einen einzigen Funken Verbitterung. „Ich habe ein erfülltes Berufsleben hinter mir. Manche fragen sich ja, was sie eigentlich die letzten 40 Jahre gemacht haben. Das ist bei mir nicht so.“ Er sei nie die Art Apotheker gewesen, „der nur auf den Umsatz geschaut hat“, sondern habe immer der Gesundheit der Menschen dienen wollen.

Kersten scheint mit sich im Reinen. Und auch dass er ganz glücklich ist, nicht heute ins Berufsleben zu starten, lässt er ein wenig durchscheinen. „Als ich die Apotheke 1990 mit 500.000 D-Mark Umsatz übernommen habe, konnte man das noch steigern“, sagt er. „Heutzutage rate ich jungen Apothekern, ganz bewusst die Entscheidung zu fällen, ob sie sich wirklich selbstständig machen wollen.“ Die Unsicherheit sei heute viel größer und vor allem die kleinen Betriebe gerieten heute oft unter die Räder.

So ist er sich auch sicher, dass irgendwann die Ketten in Deutschland Einzug halten werden. „Früher haben Persönlichkeiten die Geschäfte geführt, heute die Konzerne“, sagt er. „Für die kleinen und mittleren Apotheken ist die Zukunft deshalb mit viel Vorsicht zu genießen.“

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