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Digitalisierung

AOK schickt IT-Experten ins BMG

Berlin - Bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bekanntermaßen aufs Tempo drücken. Alle Versicherten sollen spätestens ab 2021 digital auf ihre Patientendaten zugreifen können. Dazu will Spahn in Kürze gesetzliche Vorgaben zur elektronischen Patientenakte (ePA) vorlegen. Zur Umsetzung erhält Digital-Abteilungsleiter im Bundesgesundheitsministerium (BMG), Dr. Gottfried Ludewig, jetzt Unterstützung: Die AOK Nordost schickt ihren IT-Experten Christian Klose als seinen Stellvertreter ins BMG.

Das BMG will die Personalie offiziell noch nicht bestätigen. Dem Vernehmen nach soll der Chief Digital Officer (CDO) der AOK Nordost aber bereits im August oder spätestens im September seinen Dienst im BMG antreten. Klose ist seit 2016 CDO der AOK Nordost. Zuvor war er Geschäftsführer des Bereichs Markt sowie Mitglied der Geschäftsleitung in der AOK Berlin-Brandenburg. Klose gilt als IT-Experte und hat maßgeblich das AOK-Gesundheitsnetzwerk entwickelt. Die Personalie ist auch deshalb interessant, weil die Krankenkassen bei der Entwicklung der ePA im Wettbewerb stehen. Die AOK hat eigene Pläne, die TK bereits eine App gelauncht und weitere Kassen haben sich unter dem App-Namen Vivy zusammengetan.

Um Tempo bei der Digitalisierung zu machen, hatte Spahn bei seiner Amtsübernahme eigens eine Abteilung Digitalisierung und Innovation geschaffen und Ludewig zu dessen Leiter berufen. Der Posten des Stellvertreters war bislang unbesetzt. Dem Vernehmen nach soll Klose für zwei Jahre von der AOK Nordost abgestellt werden. In seiner bisherigen Funktion hat sich Klose für eine digitale Vernetzung der Heilberufe ausgesprochen: „Was wir wollen, ist eine bessere Abstimmung und Zusammenarbeit zwischen den Akteuren im ambulanten und stationären Bereich durch den digitalen Austausch der Daten“, sagte er kürzlich in einem Interview. Und: „Digitalisierung muss man nicht erleiden, sondern gestalten!“ Ein Satz, den auch Spahn gerne sagt.

Der größte Vorteil liege darin, dass die Heilberufe schnell und unkompliziert auf Diagnosen, Befunde oder Medikationspläne ihrer Kollegen zugreifen könnten – über Sektorengrenzen und medizinische Disziplinen hinweg. Klose: „Wir setzen hier endlich mal um, worüber anderswo schon seit Jahren gesprochen wird: Eine bessere Vernetzung, die helfen kann, beispielsweise die Arzneimitteltherapiesicherheit zu erhöhen oder Schnittstellenprobleme bei der Krankenhaus-Entlassung zu verhindern.“

An seiner neuen Arbeitsstätte im BMG kann er jetzt die Umsetzung beschleunigen. Auch das von Klose entwickelte AOK-Gesundheitsnetzwerk besteht im Kern aus einer digitalen Akte. Vorgesehen ist darin auch ein eigener Medikationsplan. Dabei sollen die 26 Millionen AOK-Versicherten die Hoheit über ihre Daten behalten. Das heißt, sie können ihre Gesundheitsinformationen, die von Ärzten und Kliniken bereitgestellt werden, einsehen und anderen Leistungserbringern zur Verfügung stellen. Außerdem besteht die Möglichkeit, selbst erhobene Daten wie Messwerte von sogenannten Wearables, die regelmäßig Bewegung, Blutdruck oder Puls messen, in dem Gesundheitsnetzwerk zu speichern. Ein Pilotprojekt dazu ist in Mecklenburg-Vorpommern Anfang November mit zwei Kliniken und dem Ärztenetz „HaffNet“ gestartet.

Zum Jahreswechsel folgte der nächste Schritt: Gemeinsam mit der drittgrößten privaten Klinikgruppe Sana Kliniken und Deutschlands größtem kommunalen Krankenhauskonzern Vivantes startete das AOK-Gesundheitsnetzwerk in Berlin. Zusätzlich zu den bereits erprobten Anwendungen haben die teilnehmenden Patienten in Berlin einen digitaler Medikationsplan, die Bereitstellung von Labordaten durch die beteiligten Ärzte sowie die Möglichkeit zur Terminvereinbarung mit Kliniken und Ärzten angeboten.

Auch bei der Einführung des elektronischen Rezepts will das BMG aufs Tempo drücken: „Wir können bei Fernverschreibungen keine jahrelangen Abwehrkämpfe mehr führen“, sagte Digital-Abteilungsleiter Ludewig kürzlich beim Digitalisierungsforum der Kassenärzte. Bei der von den Ärzten beschlossenen Fernbehandlung könne man nicht stehen bleiben. „Wir wollen den Wandel mitgestalten und nicht, dass er von außen kommt“, so Ludewig, „wir wollen, dass das in Deutschland passiert.“ Noch vor dem E-Health-Gesetz will das BMG neben der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) weitere mobile Zugänge zur Telematik-Infrastruktur (TI) der Gematik schaffen: „Die Patienten müssen das Netz nutzen können.“ Neben der eGK müsse es alternative Möglichkeiten der Identifizierung geben, die den Zugang zu den Patientendaten über Smartphones und Laptop ermöglichen. Ludewig: „Es muss Zugänge ohne Kartenlesegerät und sechsstellige PIN geben.“

CDU-Gesundheitspolitiker Tino Sorge (CDU) drängt bei der Umsetzung von ePA und eRezept auf internationale und offen Standards: „Bei ePA und e-Rezept, zwei Kernvorhaben im Bereich E-Health, geht es endlich voran. Bei der Patientenakte ist es gut, dass wir uns angesichts neuer technischer Möglichkeiten für weitergehende Anwendungen öffnen und nicht allein auf die elektronische Gesundheitskarte fokussieren“, so Sorge. „Genau so ist es zeitgemäß, nach der Lockerung des Fernbehandlungsverbotes auch die Möglichkeit eines Fernrezeptes zu etablieren.“

Bei beiden Vorhaben sollten hohe, einheitliche und moderne Standards geschaffen werden, damit die neuen Anwendungen auch zukunftssicher und international anschlussfähig seien: „Es sollten unbedingt international gängige Datenstandards genutzt und von ausschließlich deutschlandweiten, neu geschaffenen abgesehen werden“, fordert der Magdeburger Bundestagsabgeordnete, der seit 2013 Mitglied des Gesundheitsausschusses sowie Berichterstatter der CDU/CSU-Fraktion für Digitalisierung und Gesundheitswirtschaft ist: „Nur so kann Interoperabilität für zukunftssichere, länderübergreifende Lösungen sorgen. Darauf sollten BMG und Gematik weiterhin achten.“

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