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Rückrufwelle

Valsartan: Hexal und Aliud eröffnen Tag 2

Berlin - Nach vier Rückrufen war gestern Feierabend bei der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK). Jetzt geht es weiter, mit Hexal und Aliud startet Tag 2 im Fall Valsartan. Ratiopharm hat eine Hotline eingerichtet, die AMK-Website ist – vermutlich wegen des hohen Traffics – nach wie vor nur sporadisch zu erreichen.

Dexcel, Heumann, Hormosan und Zentiva machten gestern den Anfang, mit Hexal folgte heute ein weiterer großer Hersteller. Von Stada/Aliud, 1A, Aurobindo/Puren (vormals Actavis), Axcount, Basics, Biomo, Dexcel und Hennig gibt es noch keine Meldung. Bei Ratiopharm/AbZ wird der Fall noch geprüft, der Konzern hat eine Hotline eingerichtet (0800 - 800 50 22).

In Ulm rechnet man damit, dass es in der kommenden Woche Rückrufe geben könnte. Das wäre sehr spät, allerdings läuft der Rückruf im Zuständigkeitsbereich des Regierungspräsidiums Tübingen auf freiwilliger Basis. Andere Hersteller mit Sitz in Oberbayern, Niederbayern und Schwaben wurden nach Angaben der für sie zuständigen Behörde bereits Ende vergangener Woche aufgefordert, mutmaßlich betroffene Arzneimittelchargen vorsorglich in Quarantäne zu nehmen.

Laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) fiel die Entscheidung über den europaweiten Rückruf am Dienstag, der Rückruf selbst begann einen Tag später. In Deutschland wurden die ersten Meldungen am Donnerstag veröffentlicht. Derzeit ermitteln die Hersteller laut BfArM in Abstimmung mit den Landesbehörden die vom Rückruf betroffenen Chargen. „Das BfArM geht davon aus, dass dieses Verfahren kurzfristig abgeschlossen werden kann. Die Listen der betroffenen Chargen werden dann unter anderem den Apotheken vorliegen. Aktuell hat das BfArM hierzu noch keine abschließenden Informationen.”

Zunächst hatten Novartis sowie Mylan und TAD Entwarnung gegeben. Der Originalhersteller produziert selbst in Irland und in der Schweiz. Die beiden Rabattpartner beziehen ebenfalls keinen Wirkstoff von chinesischen Lieferanten Zhejiang Huahai Pharmaceutical.

Insgesamt gibt es in Deutschland rund 950 Zulassungen für Valsartan. Alle großen Hersteller sind vertreten, zum Teil gibt es mehrere Dubletten im Bestand. Das ist auch das Problem für die Überwachungsbehörden: Zwar sind alle Lieferanten bis hin zum Wirkstoffproduzenten gemeldet. Doch niemand weiß, welche Zulassung der Hersteller für welche Charge genutzt hat.

Bei Zhejiang Huahai Pharmaceutical war aufgefallen, dass der blutdrucksenkende Wirkstoff mit N-Nitrosodimethylamin verunreinigt war. Wieso das bei nachfolgenden Prüfungen nicht aufgefallen war, ist nicht bekannt. Die Substanz steht laut der Internationalen Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Verdacht krebserregend zu sein. Im Tierversuch an Nagetieren wurde eine kanzerogene Wirkung auf Leber, Niere, Lunge und Blutgefäße bereits bei einer Gesamtdosis von 1 mg/kg Körpergewicht festgestellt. Bei oraler Gabe entwickelten sich vorwiegend Lebertumore. Zwar gibt es keine Daten zur Wirkung am Menschen, jedoch könne aufgrund der Gewebeähnlichkeit auf eine kanzerogene Wirkung geschlossen werden.

Noch sei nicht bekannt, ob und in welcher Konzentration die Verunreinigung in den Fertigarzneimitteln enthalten ist. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hatte daher am Mittwochabend vorsorglich angekündigt, dass es demnächst einen europaweiten Rückruf aller betroffenen Chargen geben könnte, bis der Sachverhalt aufgeklärt ist. Das Gefährdungspotenzial wird laut Europäischer Arzneimittelagentur (EMA) weiterhin auf europäischer Ebene bewertet.

Die ersten Medien haben das Thema bereits aufgegriffen, in den Apotheken stehen seit Donnerstag verunsicherte Patienten, die nicht wissen, wie sie sich weiter verhalten sollen. Patienten werden gebeten, valsartan-haltige Arzneimittel nicht eigenmächtig abzusetzen, ohne mit dem Arzt zuvor Rücksprache zu halten. Laut BfArM ist das gesundheitliche Risiko bei Absetzen der Arzneimittel höher als das potenzielle Risiko der Verunreinigung. „Ein akutes Patientenrisiko besteht nicht“, so das BfArM.

Anders als bei früheren Rückrufwellen, wo gefälschte Studien von indischen Dienstleistern der Auslöser waren, geht es diesmal nicht um den Entzug der Zulassung, sodass formal nicht das BfArM, sondern die für die jeweils ansässigen Hersteller zuständigen Aufsichtsbehörden in den Ländern zuständig sind. Die Generikahersteller evaluieren die Angelegenheit gerade und hoffen, am Abend mehr Klarheit zu haben.

Valsartan ist seit 1996 auf dem Markt und seit 2011 patentfrei. Mit 4,3 Millionen Verordnungen gehört der Blutdrucksenker laut Arzneiverordnungsreport zu den am häufigsten eingesetzten Arzneimitteln. 2016 gaben die Kassen 95 Millionen Euro für entsprechende Produkte aus. Auf die Kombination mit Hydrochlorothiazid entfallen weitere 2,5 Millionen Verordnungen und 85 Millionen Euro.

Als Angiotensin-II-Rezeptor-Antagonist wird Valsartan zur Behandlung von Bluthochdruck, Herzinsuffizienz und zur Vorbeugung nach einem Herzinfarkt eingesetzt. Eine mögliche Rückrufwelle könnte die Versorgungslage weiter verschlechtern. Den Apotheken fehlt es aktuell an Valsartan 160 mg von Abz und Heumann; seit Anfang Juni stehen die Arzneimittel auf den Defektlisten. Der Arzneistoff besitzt eine selektive Wirkung auf den AT1-Rezeptor-Subtyp, der für die bekannten Effekte von Angiotensin II verantwortlich ist. Die Affinität für den AT1-Rezeptor ist zirka 20.000 mal höher als für den AT2-Rezeptor.

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