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Reiseübelkeit

Marine testet Vitamin C gegen Seekrankheit

Auf mehreren Fregatten der Bundeswehr werden ab Herbst Vitamin C-Kaugummis gegen Seekrankheit getestet.Foto: Bundeswehr

Berlin - Für Marineflotten stellt die Seekrankheit oft große Probleme dar: Während Medikamente Nebenwirkungen haben, könnte Vitamin C die Lösung sein. Auf mehreren Fregatten will die Marine ab dem Herbst die Wirksamkeit des Vitamins gegen Seekrankheit untersuchen.

Bleich wie eine Wand und richtig übel: Wen die Seekrankheit erwischt, der leidet. Mancher fühlt sich nur bleiern und antriebslos, andere spucken sich die Seele aus dem Leib und würden am liebsten über Bord gehen. Nicht nur Touristen, auch echte Seebären. „Wenn wir aus dem Hafen auslaufen und die Wellen gleich fünf, sechs Meter hoch sind, dann habe ich erstmal ein, zwei Stunden Unwohlsein“, sagt der Kommandant des Marine-Segelschulschiffs „Gorch Fock“, Kapitän zur See Nils Brandt. Erbrechen müsse er sich aber nicht.

Das Problem: Nebenwirkungen einer Reisetablette sind mit vielen Aufgaben einer Schiffsbesatzung nicht vereinbar. Eine mögliche
Lösung: Für Vitamin C konnte in einer Untersuchung gezeigt werden, dass es die Symptome der Seekrankheit lindern kann, aber nicht müde macht. Deshalb starten die Marine-Mediziner im Herbst einen zweijährigen Versuch mit mehreren hundert Soldaten. Sie erhalten auf mehreren Fregatten Kaugummis mit hochdosiertem Vitamin C beziehungsweise ohne. „Vitamin C senkt den Histaminspiegel im Körper“, erklärt Koch. Auch an Bord des Dreimasters „Gorch Fock“ habe die Besatzung mit Vitamin-C-Präparaten Erfolge erzielt, sagt dessen Kommandant Brandt. Tests am Schifffahrtmedizinischen Institut der Marine in Neustadt an der Ostsee sind ebenfalls aussichtsreich verlaufen. „Im Herbst wollen wir herausfinden, ob sich die Ergebnisse unserer Laborversuche unterrealen Bedingungen auf See bestätigen“, sagt Wissenschaftler Koch.

Bei den Formen der Kinetose, zu denen die Reise- und die Seekrankheit gehören, „handelt es sich um keine Krankheit im engeren Sinne, sondern um eine im Grundsatz zunächst normale Reaktion auf einen Sinneskonflikt, die schwere Ausmaße annehmen kann“, sagt Prof. Andreas Koch vom Schifffahrtmedizinischen Institut der Marine. Niemand sei davor sicher: „Jeder Mensch kann seekrank werden - vorausgesetzt er hat ein funktionierendes Gleichgewichtsorgan.“ Auslöser der Seekrankheit sei die Diskrepanz der Wahrnehmungen. Was Reisende in ihrer Kabine sehen und spüren, passt einfach nicht zu dem Bild, das sich ihnen beim Blick durch das Bullauge zeigt. Manche sind empfindlich für das kaum merkliche „Rollen“ großer Kreuzfahrtschiffe. Ihr Körper schüttet Stresshormone wie Histamin aus. Zuviel davon führt zu Übelkeit und Erbrechen. „Selbst Fische können Symptome der Seekrankheit aufweisen“, sagt Flottenarzt Koch. Er sucht Gegenmittel, die nicht die Nebenwirkungen von Reisetabletten (Antihistaminika)
haben. „Diese haben allesamt den Nachteil, dass sie etwas müde machen“, sagt Koch. Deshalb dürften Piloten sie nicht nehmen.



Was genau Seekrankheit auslöst, ist bei jedem Menschen anders. „Viele reagieren auf See auf das Rauf und Runter des Schiffs“, sagt Koch. Generell seien langsame Bewegungen wesentlich problematischer als schnelle Vibrationen - beispielsweise leichte Rollbewegungen eines Kreuzfahrtschiffs. „Eine Welle alle fünf Sekunden, die fährt den Menschen in den Magen. Dafür sind die meisten anfällig.“ Seekrankheit kann auch auf großen Pötten auftreten. „Bei unseren Kreuzfahrten versuchen wir immer, Seegebiete zu meiden, in denen wir Bewegungen auf dem Schiff erwarten», sagt Kapitän Kjell Holm von Tui Cruises. „Gäste, die nicht ans Meer gewöhnt sind, haben auch Angst, wenn ein Schiff anfängt zu rollen oder zu schlagen.“

Der Verband Deutscher Reeder hält die Seekrankheit für „eigentlich kein großes Problem“ für die Branche, wie Sprecher Helge Grammerstorf sagt. Alle großen Kreuzfahrtschiffe hätten Stabilisatoren. Diese hielten die Schiffe auch bei Seegang in ruhiger Position. Marineschiffe können Problemzonen nicht immer umfahren. „Es wurde über Situationen berichtet, in denen Schiffe bei wirklich extrem schwerer See bis zu 60 Prozent Ausfälle an Bord hatten“, sagt Koch. „Es gab schon Situationen, wo Einsätze unterbrochen werden mussten.“ Es habe schlicht nicht mehr genügend einsatzfähiges Personal gegeben. „Die Brücke ist der schlimmste Ort auf einem Schiff für anfällige Besatzungsmitglieder“, sagt Fregattenkapitän Bastian Fischborn.

Er fuhr sieben Jahre auf einem knapp 60 Meter langen Minenjagdboot, die Hälfte der Zeit als Kommandant. Bei seinen Fahrten auch während eines Einsatzes für die UN-Friedensmission Unifil im Mittelmeer habe er oft die „schiere Macht des Wassers“ gespürt. Bei Extremwetter sei es vorgekommen, dass „ein Drittel der Besatzung wegen Seekrankheit eingeschränkt war“. Einige gewöhnten sich nie an die Gewalten auf einem relativ kleinen Schiff auf hoher See. „Ich habe schon erlebt, dass Seefahrerkarrieren daran gescheitert sind.“ Generell seien Jüngere eher betroffen als Ältere, Frauen eher als Männer, sagt Koch. Manchmal reiche es bereits, die Augen zu schließen beziehungsweise sich hinzulegen. Hilfreich könne sein, sich in Richtung der Schiffsbewegungen zu positionieren. Linderung könne auch Ingwer verschaffen. „Nach zwei, drei Tagen auf See hat sich der Körper meistens daran gewöhnt.“ Oder man folgt dem Rat von Kreuzfahrt-Kapitän Holm: Wenn das Schiff beginne mit den Wellen zu tanzen, „ist es die beste Medizin, ein Glas Champagner in jedes Bein zu nehmen und einfach mitzutanzen“.

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