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Pharmaziegeschichte

Lauter alkoholkranke Apotheker

Berlin - Mit Leidenschaft erkundet Dr. Heinrich Buurman die Geschichte seiner Heimat Ostfriesland. In seinem neuesten Buch beschreibt der Apotheker im Ruhestand die verheerenden Folgen der bis weit in das 20. Jahrhundert grassierenden Alkoholepidemie. Apotheker spielten nicht immer eine rühmliche Rolle.

Glaubt man den zeitgenössischen Chroniken, dann trugen sich 1845 erschütternde Szenen in Ostfriesland zu: Am 6. Januar wurde eine 82-jährige Frau tot in ihrer Stube aufgefunden. Mit Ausnahme der Unterschenkel, „die mit den Füßen auf einem leeren Feuerstübchen ruhten“, sei ihr Körper in eine „dunkelbraune, schwach, etwa wie hartes Pech, glänzende, mumienartig trockne Masse umgewandelt“ worden. Der „mit Alkohol überfüllte Atem“ habe sich wohl an der Flamme ihrer Lampe entzündet. Im Dezember fiel ein Zimmermannsgeselle etwa 100 Schritte vor dem „Haus seiner Bestimmung“ in einen zugefrorenen Graben und fand – so alkoholisiert wie er war – nicht mehr lebend heraus.

Noch viele weitere solcher Begebenheiten dokumentiert Dr. Heinrich Buurman in seinem gerade erschienenen Buch „Der Schnapsteufel“. Der Alkohol hatte seine Heimat als Folge der zu Beginn des 19. Jahrhunderts einsetzenden Massenarmut über viele Jahrzehnte fest im Griff, beschreibt der Apotheker im Ruhestand. „Für viele gab es damals offensichtlich nur zwei Möglichkeiten – entweder der Heimat für immer den Rücken zu kehren und nach Nordamerika auszuwandern, oder durch übermäßigen Alkoholgenuss die Reise ins Vergessen anzutreten.“

Die Apotheker der Region waren da nicht immer ein gutes Vorbild. Alkohol diente ihnen als Hilfsstoff zur Herstellung zahlreicher Medikamente und Tinkturen. Mithin saßen sie an der Quelle. „Viele haben selbst Schnaps gebrannt und verkauft“, erzählt Buurman im Interview. „Medicinal-Tokajer zum Beispiel half angeblich gegen viele Krankheiten.“ Langeweile verführte zu eigenem Missbrauch. „Viele kleine Apotheker auf dem Land hatten nichts zu tun und nahmen dann gerne auch selbst einen ‚Söpke‘ zu sich. Es gab damals viele alkoholabhängige Apotheker.“

So hieß es 1816 über Friedrich Ludwig Wychel in Pewsum, er sei „dem Trunke ergeben und keine Stunde nüchtern“. Von Diedrich Hermann Taaks erzählte man sich 1862, er sei dem „übermäßigen Genusse spirituöser Getranke“ verfallen. In der Trinkerheilstätte Isenwald wurden 1908 zehn Apotheker behandelt. Von der Obrigkeit sei dies häufig geduldet worden, denn es habe überall an Ärzten gefehlt, so Buurman. „Der Apotheker musste nur irgendwie dafür sorgen, dass er den Betrieb aufrecht erhielt, damit die medizinische Versorgung einigermaßen gesichert war.“

Andere Kollegen hätten sich dagegen sehr in der Aufklärung vor den Gefahren des Alkoholmissbrauchs engagiert. Sie brauten Haus- und Heilmittel und engagierten sich im Blaukreuz-Verein, der alkoholfreie Restaurationen unterstützte. Doch nicht all diese Antidote entfalteten eine heilende Wirkung: „Das von dem Apotheker Günther zu Altona seit einiger Zeit in öfffentlichen Blättern angepriesene Geheimmittel gegen Trunksucht ist von dem Berg-Commissair Stromeyer zu Hannover untersucht und von demselben für gesundheitsnachtheilig erklärt“, schrieb 1862 die Königlich-Hannoversche Landdrostei. „Wir können daher nicht unterlassen, gegen den Gebrauch dieses Geheimmittels dringend zu warnen.“

Sein Buch garniert Buurman mit anschaulichen zeitgenössischen Bildern, Sie verdankt er einem privaten Sammler, Wolf-Rainer Müller-Broders. „Als er mir seine umfangreichen Exponate zur Veröffentlichung angeboten hat, musste das Buch einfach erscheinen“, bekundet Buurman.

Geschichte zählt schon immer zu seinen großen Leidenschaften. Genealogie, also die Ahnenforschung, und Apothekengeschichte waren seine besonderen Steckenpferde. Nach seinem Pharmazie-Studium in Braunschweig übernahm Buurman 1970 die Hirsch-Apotheke in Leer von seinem Vater, später kam die Ring-Apotheke dazu. In den 1980er Jahren belegte er Pharmaziegeschichte in Marburg. „Meine Familie und meine Mitarbeiter haben mir die dafür nötige Freiheit gegeben“, sagt er dankbar. Sein Zweitstudium krönte er 1989 mit einer über 500-seitigen Doktorarbeit über „Die Apotheke Ostfrieslands“.

„Ich ging auch danach nicht zum Segeln oder auf den Golfplatz, stattdessen verschlug es mich, wann ich immer Zeit hatte, in die Archive Ostfrieslands, unter anderem nach Emden, Aurich oder Norden.“ 17 Bücher zeugen von seiner Leidenschaft. Das mittlerweile vergriffene Debüt „Als Norderney Seebad wurde“ erschien bereits 1985. Er widmete sich der Geschichte der Zahlheilkunde, der „Optikern und Oculisten“, der Kammerjäger oder der Glasherstellung in der Region. „Zwischendurch dachte ich, dass ich mal etwas schreiben müsste, das eine größere Leserschaft findet.“ So entstanden drei Bände mit Jagdgeschichten in Ostfriesland.

Im Jahre 2008 übergab er seine beiden Apotheken an Sohn Cornelis. Langweilig sei ihm im Ruhestand nicht geworden, betont der heute 77-Jährige: „Jetzt widme ich mich noch mehr dem Schreiben.“ Noch viele weitere Themen warten am Wegesrand, die es sich zu erforschen lohnt, da ist sich Buurman ganz sicher.

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