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Protestaktion in München

Apotheke vs. Kirche: Die Nonne ist zurück

Berlin - Die Kirche hat bekanntlich ein Faible für die Ewigkeit, sie ist schließlich ihr bestes Verkaufsargument. Davon kann die Münchner Apothekerin Sonja Hölzer mittlerweile ein Lied singen: Ihr Geplänkel mit der Erzdiözese München und Freising wegen eines seit über drei Jahren andauernden Leerstandes mitten in München ist nun in die nächste Runde gegangen. Mit einem bissigen Plakat hatte die Inhaberin der Kloster-Apotheke die Kurie an ihr gebrochenes Versprechen erinnert. Es schaltete sich der „Haidhauser Untergrund“ ein und am Ende lenkte die Erzdiözese offenbar ein. So ganz will die Apothekerin der neuen Verbindlichkeit aber noch nicht trauen.

Grund für den Streit ist nach wie vor die Gewerbefläche direkt gegenüber der Apotheke: Auf dem Max-Weber-Platz steht seit Anfang 2016 ein ehemaliger Fotoladen leer. In München, wo um jeden Zentimeter Wohn- und Gewerbefläche gekämpft wird und sich die Mieten auf absurd hohem Niveau bewegen, empfinden das viele als Hohn und Verantwortungslosigkeit. Damit wurde die Erzdiözese zum Zentrum der Empörung, denn ihr gehört die Immobilie. In fast vier Jahren hat sie es allerdings nicht geschafft, das Objekt einer neuen Nutzung zuzuführen.

Also wehrte sich Hölzer mit Kreativität und Humor: Vergangenen Herbst erregte sie regional Aufsehen, weil sie in ihrer Apotheke gegen die Untätigkeit der Kirche plakatierte. Eine zornige Nonne blickte aus dem Schaufenster und zeigte mit dem Zeigefinger auf die verklebten Fenster des ehemaligen Fotogeschäfts gegenüber. „Da drüben gibt es seit 3 Jahren Leerstand! Liebe katholische Kirche, bitte sanieren und vermieten – Danke!“, stand auf dem Plakat. Damit war die Erzdiözese in Zugzwang und handelte: Sie schickte einen Vertreter zu Hölzer, der ihr erklärte, warum es denn so lange dauert – und revanchierte sich mit einem eigenen Plakat. Kurz darauf stand der Kirchenfrau in der Apotheke eine Apothekerin im Kirchenhaus gegenüber. „Liebe Nachbarin gegenüber!“, sagte eine lächelnde Frau im Kittel. „Wir sind dran… ab Frühjahr 2019 wird saniert, danach sofort vermietet! Viele Grüße! Ihre Katholische Kirche.“

Hölzer nahm den Olivenzweig an und revanchierte sich ihrerseits mit einer freundlichen Version ihrer Nonne: „Liebe Kirche, vielen Dank für die prompte Antwort!“, hieß es da. Und was passierte dann im Frühjahr 2019? Nichts. Zumindest nichts Sichtbares. Weder wurde saniert, noch zog ein neuer Mieter ein. Stattdessen wehrte die Kirche alle Anfragen und Bitten ab, fand immer neue Gründe für den Verzug. Weder die Apothekerin noch Lokalpolitiker oder Anwohnervertreter drangen durch. Hölzer machte das wütend. So sehr, dass sie rhetorisch und symbolisch nachrüstete. Ein neues Plakat musste her, entschied sie.

Und das war diesmal noch einen Zacken schärfer: „Man darf nicht jedem glauben!“, prangt darauf in großen Lettern. „Anscheinend auch der Kirche nicht – gegenüber herrscht immer noch Leerstand…“, steht darunter. Zu sehen ist wieder dasselbe Model als Nonne, diesmal mit laszivem Blick und einem Kruzifix in der Hand – um das sich eine Schlange windet. „Das war schon heftig“, erzählt Hölzer auf Anfrage. „Wir haben immerhin die Kirche der Lüge bezichtigt.“ Doch die Pharmazeutin steht nach wie vor hinter ihrer Kritik. „Was uns so sehr geärgert hat, ist, dass die Kirche so arrogant mauert“, sagt sie. Ihr Verhalten sei „antiquiert, kaltschnäuzig und überheblich“.

Sie zieht einen Vergleich heran: Unweit der Apotheke gebe es eine Baustelle, die Stadt München führe dort Arbeiten an der Straße durch. Da sei es selbstverständlich, dass die Kommune auf einem großen Plakat darüber informiert, was dorthin kommt, wer es bezahlt und wie lange es dauert, hinzu noch eine Entschuldigung für die Umstände und eine Erinnerung, dass das für die Allgemeinheit passiert. Ganz anders hingegen die Kirche: Die hülle sich in „vatikanisches Schweigen“, wie sie es nennt. „Diese Geisteshaltung muss sich unbedingt ändern“, fordert sie.

Und Hölzer ist offensichtlich nicht die Einzige, die das Verhalten der Kirche auf die Palme bringt. Nachdem sie ihr Plakat ins Schaufenster gepackt hatte, fühlten sich Unbekannte zu noch größerem Protest veranlasst: Über Nacht beklebten sie die Schaufenster des ehemaligen Fotofachgeschäfts mit professionell erstellten Fensterplakaten. „Supermarkt“ stand da über Bildern erlesener Nahrungsmittel. Auf einem Fenster prangte Käse, auf einem anderen Schinken, auf wieder einem anderen Wein. Über jedem Bild stand der Schriftzug: „Das könnte es hier längst geben!!“ Die Unbekannten kritisierten damit erneut, dass die Kirche dringend benötigte Gewerbe- und Versorgungsfläche, die beispielsweise für einen Supermarkt genutzt werden könnte, sinnlos leer stehen lässt.

Die Aktion war natürlich nach Hölzers Geschmack. „Ich bin fast aus dem Auto gefallen, als ich das gesehen habe“, sagt sie. Wer die nächtlichen Plakateure waren, weiß sie nach eigener Aussage aber nicht. Sie selbst sei es jedenfalls nicht gewesen, beteuert sie, und redet etwas kryptisch vom „Haidhauser Untergrund“. Sie glaube aber, dass tatsächlich Bürger aus der Nachbarschaft dahinterstecken. „Das ist hier alles trotz der Lage recht dörflich“, erklärt sie. Die Menschen kennen sich und sind auch in der Lage, gemeinsam solche Aktionen zu koordinieren. Haidhauser würden sich nun einmal nicht gerne so behandeln lassen – und von der Kirche schon mal gar nicht.

Die reagierte wiederum empfindlich, ließ die Motive entfernen und Warnungen anbringen, dass das Plakatieren verboten ist. Doch als regionale Medien über den Fall berichteten, stieg der Druck auf die Kirche natürlich weiter. Vergangenen Freitag geschah dann das kaum noch erhoffte Wunder: Die Erzdiöszese gab bekannt, sie habe einen Mietvertrag unterschrieben. Wenn nicht wieder etwas dazwischenkommt, soll Anfang 2020 eine Filiale der Bäckereikette Wimmer kommen. Die Dauer bis zum geplanten Einzug des neuen Mieters begründen die Gottesvertreter mit Umbauten und schwierigen Sanierungsarbeiten: Durch den langen Leerstand – der im Übrigen durch die Umverteilung von Zuständigkeiten zustande gekommen sei – habe sich einiges angestaut, was zu beheben sei, unter anderem Feuchtigkeitsschäden und Versalzungen. Außerdem wollen die Bauherren zwei Gewerbeeinheiten zu einer zusammenfassen, was mit weiteren Arbeiten verbunden ist.

Es kann also weiterhin vieles schiefgehen. Dass der Leerstand Anfang 2020 nach dann vier Jahren endlich behoben ist, will Hölzer aber noch nicht so recht glauben – die Erfahrung lehrt sie schließlich etwas anderes. „Ich würde da jedes Wort für bare Münze nehmen“, sagt sie. Aber auch für die Hoffnung hat die Kirche ja ein Faible.

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