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Kommentar

Versandapotheken: Das große Fressen

Berlin - Es herrscht Goldgräberstimmung. Investoren haben erkannt, dass sich mit Versandapotheken auf absehbare Zeit zwar kein Geld verdienen, aber eine Wachstumsstory erzeugen lässt. Für die deutschen Versender ist das Geschäft schwieriger geworden, seit DocMorris und Shop-Apotheke nach ihren Börsendebüts so massiv aufs Gaspedal treten. Fressen oder gefressen werden, lautet die Devise.

Seit ungefähr zwei Jahren gehen die Buchprüfer bei den Versendern ein und aus. Hedgefonds, Werbekonzerne und Strategen haben die Branche für sich entdeckt – Aponeo (Marcol), Vitalsana (Ströer) und Sanicare (Arvato) sind einige Beispiele. Selbst chinesische Investoren sollen bereits vorstellig geworden sein. Nicht zuletzt die Börsengänge von Shop-Apotheke und Zur Rose haben den Beweis geliefert, dass der Apotheken- am Finanzmarkt angekommen ist.

Der alte Grundsatz, dass sich im deutschen Apothekenmarkt kein Geschäft skalieren lässt, gilt nicht mehr. Von Holland aus ist alles möglich, wer weniger Compliance-getrieben ist, kann sich auch auf ein Modell vor Ort einlassen. Über Dienstleistungs-, Lizenz-, Marketing- und Beraterverträge lassen sich Gewinne abschöpfen, bevor sie anfallen.

Apothekerkammern und Aufsichtsbehörden haben die Waffen gestreckt. Vor dem Kapital hinter den Versandapotheken verschließt die Standesvertretung die Augen, seit das Bundesverwaltungsgericht die Klage des Magdeburger Apothekers Gert Fiedler als unzulässig abgewiesen hat. Dass kein weiterer Prozess auf einem anderen Rechtsweg angestrengt wurde, um das Fremdbesitzverbot zu verteidigen, lässt nur eine Auslegung zu: Bloß keinen Präzedenzfall schaffen. So wie bei Strohmannverträgen und anderen Konstrukten, die an den Grundfesten des deutschen Apothekenwesens rütteln.

Doch auch die deutschen Versandapotheken, die den Markt in der Hoffnung auf eigenen Profit in den vergangenen 13 Jahren aufgebaut haben, könnten über kurz oder lang ins Hintertreffen geraten. Das EuGH-Urteil hat die Sache für sie nicht einfacher gemacht: Rezepte wandern bereits massiv nach Holland ab; überall wird derzeit über einen Umzug ins Exil nachgedacht. Niemand weiß, wohin die Reise geht. „Alles ist möglich“, sagt einer, der sich mit Versandapotheken auskennt.

Das schmale Zeitfenster, noch schnell mit dem eigenen Betrieb Kasse zu machen, könnte sich für sie bald schließen. Wenn der Umzug nach Holland ohnehin unausweichlich scheint, spielen Markenbekanntheit und Kundenstamm beim Kaufpreis die größte Rolle. So kaufen die Konzerne die Kunden der deutschen Versender, um sie nach Holland umzuleiten. Auch die Ankündigung von Zur Rose, einen weiteren OTC-Versender zu kaufen, dürfte so zu verstehen sein. Arbeitsplätze oder Infrastruktur zu erhalten, hat derzeit keine Priorität. Ströer hatte dem Vernehmen nach die gesamte Branche abgeklappert, war vielfach aber auf schlechte Bilanzen oder veraltete Logistik gestoßen. Am Ende soll der angebotene Preis dann viel zu gering gewesen sein.

Wenn Amazon sich nun tatsächlich einen der führenden Player einverleibt, könnte es für die „kleinen Versandbuden“ schnell vorbei sein. Dann könnte die Wachstumsfantasie ganz schnell aus dem Markt entweichen. Bezeichnenderweise könnten die deutschen Versandapotheken die ersten Opfer sein. Das nächste wäre wohl das Fremdbesitzverbot.

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