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Die geheimen Rezept-Deals der Apobank

Berlin - Der ARZ Haan-Deal hat das Bundeskartellamt auf den Plan gerufen. Die Wettbewerbshüter hatten Nachfragen zum Antrag der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (Apobank), ihren Anteil über 20 Prozent zu erhöhen. Tatsächlich sind die Beteiligungen des Bankhauses im Abrechnungsgeschäft nach Informationen von APOTHEKE ADHOC weitreichender als offiziell bekannt. Demnach ist die Apobank über schweizerische Firmen nicht nur beim ARZ Haan zusätzlich involviert, sondern hält auf diese Weise de facto auch die Mehrheit am privaten Rechenzentrum Dr. Güldener.

Gegründet 1953, hat Ludwig Güldener das Unternehmen zusammen Rudolf Prangen aufgebaut. Dr. Volker Güldener, der Sohn des Firmengründers, hatte die Geschäftsführung ab 1968 verstärkt. Schon länger bei der Gruppe engagiert ist die Firma „Profi Erste“ mit Anschrift in Zürich. Nach Prangens Tod im Mai 2015 hat Profi Erste den eigenen Anteil auf 75 Prozent erhöht.

An der Schweizer Firma ist die Apobank offiziell mit 24,1 Prozent beteiligt. Die restlichen Anteile sollen bei Vertretern des Verwaltungsrates liegen: Rechtsanwalt Dr. Dieter Bohnert von der Düsseldorfer Kanzlei Heuking und Michael Hüchtebrock, Chef der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft RSM Verhülsdonk in Düsseldorf. Bohnert war auch schon für die Apo Data Service GmbH aktiv, einer 100-prozentigen Tochter der Apobank. Er hatte im November 2004 Hans-Jochen Becker als Präsident des Verwaltungsrates bei Profi Erste abgelöst, der aber immer noch im Verwaltungsrat sitzt. Becker war bis Mitte 2011 als Angestelltenvertreter im Aufsichtsrat der Apobank. Der Verwaltungsrat von Profi Erste wird komplettiert von Apobank-Vorstand Eckhard Lüdering.

Wichtiger als die Zusammensetzung im Kontrollgremium sind die Eigentumsverhältnisse: Denn dem Vernehmen nach kann die Apobank die Anteile von Bohnert und Hüchtebrock jederzeit für einen symbolischen Betrag einziehen. Ebenso haben beide Treuhänder das Recht, die Anteile an die Bank zu übergeben.



Von der Apobank wird lediglich die Beteiligung von 24,1 Prozent bestätigt. Wer die anderen 75,9 Prozent hält, darüber schweigt sich die Bank auf Nachfrage aus. Auch zum Zweck gibt es keine Details. Es handele sich um eine reine Finanzbeteiligung, heißt es aus Düsseldorf. Wenn Profi Erste jedoch tatsächlich komplett der Apobank zuzurechnen ist, hätte das Bankhaus damit bei Dr. Güldener die Zügel in der Hand.

Eine Mehrheitsbeteiligung an dem privaten Rechenzentrum hätte bei der Apobank nicht nur bilanzielle Folgen, sondern vor allem politische: Denn die anderen Apothekenrechenzentren arbeiten bei der Finanzierung mit der Apobank zusammen – und wären plötzlich Konkurrenten. Im Lager der standeseigenen Rechenzentren ist man wegen des Engagements der Apobank bei Güldener nicht begeistert.

Diese Unzufriedenheit könnte demnächst noch wachsen. Denn Bohnert, Becker, Lüdering und Hüchtebrock treffen sich noch bei einer anderen Firma im Verwaltungsrat: CP Capital. Die Schweizer Gesellschaft hieß früher einmal Profi Zweite und residiert an derselben Züricher Anschrift. Zu erreichen ist dort allerdings nie jemand. Bei CP Capital und Profi Erste soll es sich um dasselbe Konstrukt handeln, mit den identischen Pull-Optionen für die Apobank.



Offiziell ist die Apobank auch bei CP Capital nur zu 24 Prozent engagiert. Diese Firma ist wiederum beteiligt an der RZV Vermögensverwaltungsgesellschaft, die etwa 40 Prozent der Anteile am ARZ Haan hält. Nach dem Ausstieg des AVWL teilen sich CP Capital und die AVNR-Tochter Norwima die Anteile der RZV. Zusätzlich hält die Apobank künftig knapp 30 Prozent der Anteil am ARZ Haan direkt, in der Summe wären das also fast 50 Prozent.

Wenn es zutrifft, dass die Apobank CP Capital so beherrscht wie Profi Erste, lag der Anteil der Bank am ARZ Haan schon vor dem AVWL-Ausstieg über der genehmigungspflichtige Grenze von 25 Prozent. Anderenfalls wäre Fremdkapital in dem vermeintlich apothekereigenen Unternehmen. Die Apobank konnte oder wollte dies auf Nachfrage nicht erklären.

Angeblich gab es seitens der Bank sogar Bestrebungen, die ARZ Haan mehrheitlich zu übernehmen. Das sei aber am Widerstand des AVNR-Vorsitzenden Thomas Preis gescheitert, heißt es. Nach langem Streit hatten sich im Herbst die Anteilseigner des Rechenzentrums ARZ Haan auf den Rückkauf der Anteile des AVWL verständigt. Danach erhält der AVWL für die Rückgabe seiner Anteile pro Aktie 34,10 Euro, insgesamt 15,5 Millionen Euro.



Der AVWL gibt laut Vereinbarung seine 272.000 Stammaktien zurück, AVNR und Apobank erhöhen ihre Anteile entsprechend – allerdings mit einer Aktie Unterschied. Dem Vernehmen nach hat der AVNR damit künftig 30+x Prozent, die Apobank 30-x Prozent. Der Rest liegt bei der RZV zu gleichen Teilen bei den Beteiligten. Der Apothekerverband würde also mit seiner „goldenen Aktie“ das Sagen behalten, die Apobank wäre aber zumindest indirekt knapp zur Hälfte an dem Rechenzentrum beteiligt, ohne dies in ihre Bilanz nehmen zu müssen. Eigentlich soll der Ausstieg des AVWL bereits auf der außerordentlichen ARZ-Hauptversammlung am 21. April 2016 unter Dach und Fach gebracht werden. Dieser Termin wackelt nun.

Denn die undurchsichtigen Verhältnisse könnten ein Grund dafür sein, dass sich das Kartellamt plötzlich für die ARZ-Neuordnung interessiert. Im Zuge des Antrags der Bank, den Anteil am ARZ Haan zu erhöhen, wurden unlängst alle Rechenzentren von den Wettbewerbshütern angeschrieben. Die Behörde sammelt Informationen zu den Eigentümerverhältnissen und der Marktsituation. Dadurch verzögert sich der Abschluss des Fusionskontrollverfahrens Apobank/ARZ Haan.

Das ARZ Haan war 1971 als ARZ Rechenzentrum nordrhein-westfälischer Apotheken gegründet worden und in den 1990er Jahren durch Zukäufe gewachsen. Heute gehören neben Apothekern auch andere Leistungserbringer zu den Kunden. Mit dem AVWL ist bereits die dritte Apothekerorganisation ausgeschieden. Die beiden Kammern aus NRW mussten ihre Anteile bereits vor Jahren aus rechtlichen Gründen abgeben. Damals war die Apobank eingestiegen.



Dr. Güldener wiederum zählt sich selbst zu den größten Abrechnungs- und Finanzdienstleistern im Gesundheitswesen. Mit fast 45.000 Kunden aus allen Bereichen der Branche bringt es das Unternehmen nach eigenen Angaben auf mehr als vier Milliarden Euro Abrechnungsvolumen.

Wichtiges Standbein der Gruppe mit Sitz in Stuttgart ist das DZR – Deutsches Zahnärztliches Rechenzentrum. Daneben gibt es das Apotheken- und Ärzte-Abrechnungszentrum sowie die Firma Optica. Zu den Kunden zählen außerdem fast alle Leistungserbringer wie Hebammen, Logopäden, Physiotherapeuten sowie Rehazentren und Sanitätshäuser. Bei Apotheken ist Güldner mit nach Schätzungen aus der Branche unter 500 Kunden eher eine kleine Nummer, bei den Zahnärzten dagegen eine der Top-Adressen.

Kartellrechtlich spannend ist, wie die Wettbewerbshüter die einzelnen Geschäftsbereiche bewerten. Denn abseits des Apothekenmarktes gestaltet sich die Konkurrenzsituation zuweilen noch enger. Das ARZ Haan hatte die Abrechnung bei mit den sonstigen Leistungserbringern kontinuierlich gestärkt.

Welches Interesse die Apobank mit ihren Beteiligungen an den beiden Rechenzentren verfolgt, war auf Nachfrage bislang nicht zu erfahren. Beim Kartellamt war man mit den bisherigen Ausführungen der Düsseldorfer jedenfalls nicht zufrieden und hat bereits zweimal nachgefragt.

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