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Apothekenrechenzentren

Noventi schluckt ARZ Darmstadt

Berlin - Bei den Rechenzentren steht möglicherweise ein großer Coup an: Nach Informationen von APOTHEKE ADHOC schluckt die Noventi-Gruppe das ebenfalls apothekereigene ARZ Darmstadt. Sollten sich die Gerüchte bestätigen, entstünde im Abrechnungsmarkt ein Gigant mit rund 50 Prozent Marktanteil. Eine Bestätigung steht noch aus.

Dem Vernehmen nach hat die Gesellschafterversammlung des ARZ Darmstadt dem Deal bereits zugestimmt. Für eine Stellungnahme war aber bislang niemand zu erreichen. Auch die Noventi-Spitze bleibt vorerst in der Deckung. Was passt: ARZ-Geschäftsführer Reiner Haupt geht Ende des Jahres in Ruhestand.

Mit der Übernahme würde Noventi seine marktbeherrschende Stellung deutlich ausbauen. Allein die eigenen Rechenzentren VSA, ALG und SARZ bringen es zusammen auf 6000 bis 7000 Apotheken. Das ARZ Darmstadt hat zwar Brancheninsidern zufolge in den vergangenen Jahren Federn lassen müssen, dürfte aber immerhin noch mit mehr als 2000 Apotheken abrechnen. Der Zusammenschluss hätte demnach etwa die Hälfte des aufgrund der Schließungen schrumpfenden Marktes für sich. Selbst ein Marktanteil von leicht über 50 Prozent dürfte kartellrechtlich aber machbar sein, weil die in diesem Zusammenhang kritische Umsatzschwelle von 500 Millionen Euro noch nicht erreicht wäre.

Während hinter Noventi der Förderverein der Süddeutschen Apotheker (FSA) steht, dem wiederum 90 Prozent der Abrechnungskunden angehören, ist das ARZ Darmstadt das standeseigene Rechenzentrum der Landesapothekerverbände von Hessen, Rheinland-Pfalz, Thüringen und Saarland. Unklar ist, ob der Zusammenschluss als Übernahme oder Fusion gestaltet wird.

Sollte der Deal zustande kommen, wären die anderen drei der ehemaligen „Big Five“ deutlich distanziert. Das ARZ Haan – im Besitz von Apobank und Apothekerverband Nordrhein – hat zwar mit einer offensiven bis aggressiven Vertriebspolitik zwischen 2013 und 2017 zugelegt und dürfte heute auf rund 4000 Kunden kommen. Haan ist aber eben wegen dieser Geschäftspolitik auch zum erklärten Feindbild gerade des Branchenprimus aus dem Süden geworden: So hatte Noventi zuletzt nicht gezielt nur im Stammgebiet des ARZ Haan dagegengehalten, sondern auch einen ganzen Stab an Vertrieblern abgeworben.

Das Norddeutsche Apotheken-Rechenzentrum (NARZ), als Verein organisiert, bei dem die norddeutschen Apothekerverbände das Sagen haben, dürfte wie das privat geführte Rechenzentrum AvP bei 3000 bis 3500 Kunden liegen. Und während alle Anbieter mit der insgesamt sinkenden Apothekenzahl zu kämpfen haben, gilt das besonders für die Rezeptabrechnungsstelle Berliner Apotheker (RBA), die ebenfalls zum Verein gehört und beim ARZ Haan abrechnet. Die ehemals 500 Kunden in der Hauptstadt dürften sich Schätzungen aus dem Markt zufolge deutlich reduziert haben. In dieser Größenordnung bewegen sich auch das DRZ von Pharmatechnik, Dr. Güldener (Apobank) und Wünsch aus Thüringen. Klein aber stabil halten sich noch einige private Rechenzentren, bei denen die Inhaber die Rezepte teilweise sogar persönlich bei ihren allenfalls dreistelligen Kunden abholen.

Noventi würde mit dem Zukauf den eigenen Führungsanspruch im Apothekenmarkt deutlich unterstreichen: Besonders stark engagiert ist die Gruppe auch bei der Entwicklung des elektronischen Rezeptes. Beim Pilotprojekt „Gerda“ von Landesapothekerverband und Landesapothekerkammer Baden-Württemberg hat Noventi die technische Durchführung übernommen. Andererseits ist Noventi Teil der Initiative Pro AvO, gemeinsam mit Gehe, Rowa, Sanacorp und dem Wort & Bild-Verlag. In einer gemeinsamen Erklärung unterstützten sie die kürzlich vom DAV vorgestellte App-Initiative zum eRezept. „Pro AvO begrüßt die Initiative des DAV, als Gesellschafter der Gematik, die Konzeption und Entwicklung der Standards für das künftige eRezept auf Bundesebene zu gestalten, ausdrücklich“, hießt es in einer Erklärung.

Damit steht Noventi in direkter Konkurrenz mit dem „Zukunftspakt Apotheke“ von Noweda/Burda, die bereits eine Handelsplattform für Apotheken anbieten. Auch der Deutsche Apothekerverband (DAV) mischt in diesem Markt mit seiner neuen App mit. Nach eigenen Angaben haben sich bereits rund 8000 Apotheken angemeldet. Laut Noweda haben sich ebenfalls knapp 8000 Apotheken beim Zukunftspakt registriert. Beide Anbieter liegen Kopf an Kopf im Rennen um die Marktführerschaft. Es wird erwartet, dass Pro AvO bei der Expopharm in September seine eigenen Pläne für eine Handelsplattform präsentiert.

Das ARZ Darmstadt ist das standeseigene Rechenzentrum der Landesapothekerverbände von Hessen, Rheinland-Pfalz, Thüringen und Saarland. In den Kerngebieten rechnet die Mehrheit der Apotheken über das ARZ ab. Rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmern sich um die Abrechnung von bis zu fünf Millionen Rezepten mit einem Gesamtvolumen von über 350 Millionen Euro pro Monat. Zur ARZ-Gruppe gehören neben dem Rechenzentrum das Softwarehaus CIDA sowie die Tochterfirma M&P Menkens und Partner, die für Apotheker das Forderungsmanagement übernimmt und Finanzdienstleistungen anbietet. Hauptsitz ist Darmstadt, weitere Geschäftsstellen sind in Gera und Oldenburg.

Gegründet wurde das Rechenzentrum 1969, 1982 folgte der Einstieg in den Bereich EDV. 2004 führte ARZ Darmstadt erste Online-Dienste ein, 2012 wurde die Online-Rezeptstatistik Apoinfo-Plus freigeschaltet, seit 2013 können Apotheken Rezepte selber mit Aposcan-Plus scannen. Seit 2014 bietet ARZ Darmstadt eine Zusatzprüfung zur Rabattverträgen an, die Schutz vor Retaxationen bieten soll. Seit 2016 können Apotheken auch Financial Services von ARZ Darmstadt nutzen. 2017 führte ARZ Darmstadt wie andere Rechenzentren auch mit Apojet eine App für digitalen Kundenservice und Kundenbindung ein.

2018 entwickelte das Rechenzentrum noch in Konkurrenz zu Noventi mit Apocollect eine digitale Rezeptsammelstelle: Aktuell sind drei digitale Rezeptsammelstellen an den Standorten Heusweiler, Longkamp und Essingen in Betrieb. Im August und September sollen zwei weitere Installationen in Neustadt an der Weinstraße und Bad Langensalza folgen. Das Interesse der Apotheken sei groß, man erhalte viele Anfragen. In Abhängigkeit vom Standort würden zwischen 100 und 150 Rezepte pro Standort und Monat. Nennenswerte Probleme technischer Natur seien bislang nicht aufgetreten, heißt es bei ARZ Darmstadt.

Das NARZ wurde 1954 als Abrechnungsstelle der Bremer Apotheker gegründet, seit 1972 firmiert es unter dem heutigen Namen. 1986 fusionierte das 1955 gegründete Rechenzentrum AVN (Apotheken-Verrechnungsstelle Dr. Carl Carstens) mit dem NARZ, behielt jedoch die Eigenständigkeit und betreut Apotheken in Norddeutschland, Berlin und Nordrhein-Westfalen. Seitdem zählt nach eigenen Angaben mit rund 75 Prozent der größte Teil der norddeutschen Apotheken zu den Kunden von NARZ/AVN. Die zwei Unternehmen verarbeiten knapp 96 Millionen Rezepte im Jahr und verwalten treuhänderisch jährlich circa 7,5 Milliarden Euro Apothekenumsatz. Seit 2015 ist die Firma Prisma Datensysteme mit ihrem Warenwirtschaftssystem aposoft vollständig in den Unternehmensverbund integriert. Die Kunden sind automatisch Mitglied und damit formal Miteigentümer des Rechenzentrums. Die Apothekerverbände im Stammgebiet entsenden Vertreter in den Verwaltungsrat des Vereins und bestimmen über die Höhe der Beiträge, also die Abrechnungsgebühr.

ARZ Service ist eine Tochtergesellschaft der ARZ Haan. Zusammen mit den Schwestergesellschaften, der AZH-Abrechnungszentrale für Hebammen, der RZH-Rechenzentrum für Heilberufe und Styra & Partner, erbringet das ARZ Haan an insgesamt sechs Standorten in Deutschland für rund 14.000 Kunden Abrechnungsdienstleistungen. ARZ Haan wurde 1971 gegründet und rechnet aktuell nach eigenen Angaben 10 Milliarden Euro pro Jahr mit mehr als 700 Mitarbeitern ab. Jedes Jahr werden dafür 100 Millionen Belege verarbeitet.

Mit der absehbaren Einführung des eRezeptes steht ein radikaler Umbruch ins Haus. Papierrezepte müssen nicht mehr umständlich hin und her gefahren und eingescannt werden. Das Regionalprinzip bröckelt schon aus logistischen Gründen – bereits seit einiger Zeit wildern die Anbieter in fremdem Revier. Experten sind sich einig: Die Rechenzentren werden sich zu Clearingstellen mit angeschlossenem Bankgeschäft entwickeln. Das Engagement der Apobank kommt nicht von ungefähr. Auf der angekündigten Plattform könnte auch der Bereich der Abrechnung eingebunden werden.

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