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Gerda Nückel (Fiebig) zum 100. Geburtstag

„Mir kann keiner was vormachen“

Berlin - Gerda Nückel ist Apothekerin und Unternehmerin aus Leidenschaft. Dass jemand wie sie nach 64 Berufsjahren als Chefin des Privatgroßhändlers Fiebig nicht in Rente geht, ist eigentlich logisch: In Brione, einem kleinen Dorf im Tessin, verfolgt sie die Geschäftsentwicklung des Familienunternehmens täglich via Notebook. Heute feiert sie ihren 100. Geburtstag.

„Mein Haus steht 400 Meter über dem See. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich den Lago Maggiore und Berge. Ich bin zufrieden“, sagt sie. Vor vier Jahren hat sie, auf liebevollen „Befehl“ des Enkelsohns, ihren Führerschein abgegeben. Aber nur, weil die Straßen in ihrem Tessiner Dorf ein bisschen eng sind. Das ist eines der wenigen Zugeständnisse, die sie an das Alter macht. „Ich habe Glück, dass es mir unwahrscheinlich gut geht“, sagt sie. „Ich kann klar denken“, erklärt sie und fügt schelmisch hinzu: „Mir kann keiner was vormachen.“

Das war eigentlich schon immer so. Als sie am 4. Januar 1918 geboren wurde, herrschte Krieg. Der erste, den sie miterleben sollte, ein zweiter sollte folgen. Geboren wurde sie in Karlsruhe, als Nesthäkchen einer gutbürgerlichen Unternehmerfamilie. Ihr Vater Paul Distelhorst war Eigentümer der pharmazeutischen Großhandlung Leopold Fiebig.

Als Mädchen aus gutem Hause heiratete man damals normalerweise und der Gatte brachte fortan das Geld heim. Aber ihr Vater sah das ein bisschen anders, schickte die Töchter aufs Gymnasium und riet seiner Jüngsten, Pharmazie zu studieren. Weil er eine Apothekerin brauchte fürs Familienunternehmen. Und weil Gerda naturwissenschaftliches Talent besaß. Heute sagt sie: „Der Vater hat wahrscheinlich besser verstanden, was für mich geeignet ist. Ich war mit 19 vollkommen naiv, wollte zunächst heiraten. Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, Pharmazie zu machen.“

Eine kluge Entscheidung des Vaters, die ihr Leben bestimmen sollte. Geheiratet hat sie natürlich auch. Nach zwei Jahren Praktikum in der Löwen-Apotheke in Heidelberg bemühte sie sich um einen Studienplatz. „Es war aussichtslos. Ich wusste, dass der Krieg noch lange dauern würde, aber das durfte man damals nicht laut sagen.“ Die Lösung: Als einzige weibliche Studentin kam sie im hessischen Frankfurt unter. Dazu hätte sie eigentlich eine Sondergenehmigung gebraucht, in den Kriegswirren ging aber einiges unter, sodass sie einfach mit dem Studium anfing. Frechheit siegt.

Nach drei Semestern wechselte sie an die Universität Wien. „Ich habe um einen Studienplatz angesucht, der Professor schrieb mir ein Postkärtchen, auf dem stand: ‚Sie können kommen.‘ Stellen Sie das mal heute vor!“ Sie lacht herzlich, als sie sich an diese Post erinnert.

Im Herbst 1943 machte sie ihren Magister in Pharmazie, dann wurde sie nach Hause gerufen, denn der Vater war erkrankt. Während heute der Unternehmensnachwuchs in Trainee-Stellen akribisch auf die Geschäftsführung vorbereitet wird, musste Gerda Nückel ins kalte Wasser springen. Sie fing mit 26 Jahren gleich als Chefin an. „Ich hatte keine Ahnung, wusste nicht einmal, wie Kontoauszüge aussahen.“

Sie lernte schnell und übernahm nach dem Tod des Vaters das Unternehmen, anfangs allein, später arbeitete sie mit ihrem Schwager zusammen. Geplant oder gar erträumt war das nicht. „Mir war wichtig, dass die Firma erhalten wird.“ Ihr Pflichtbewusstsein und die Liebe zum Beruf trug sie über die Jahrzehnte – und der Erfolg, den der Pharmagroßhandel im baden-württembergischen Rheinstetten erzielte.

Das hochmoderne Logistikzentrum liefert heute pro Jahr rund zwölf Millionen Präparate an 750 Kunden im Südwesten Deutschlands. 2012 hat sie das Unternehmen an ihren Adoptivsohn Paul Rheinländer und ihren Enkel Andreas Rheinländer übergeben. Das Unternehmen blieb, das war ihr wichtig, privat und in Familienhand. „Ich habe einen sehr intelligenten Sohn und einen sehr intelligenten Enkel. Wir besprechen gemeinsam, worauf es im Unternehmen ankommt.“

Über Rentendiskussionen lächelt sie. Was soll man mit 68 machen?! Ruhestand? Erklären Sie das einmal jemandem, der 54 Arbeitsjahre hinter sich hat und noch einmal zehn Arbeitsjahre, quasi „light“, darangehängt hat. Wie schön es doch sein kann, eine befriedigende Aufgabe zu haben. Gleichzeitig hat sie aber auch Verständnis für Menschen, die ihren Lebensabend ohne Notebook genießen möchten. Jeder nach seiner Fasson. „Ich habe Gott sei Dank immer genügend Gesundheit gehabt“, sagt sie. „Mit Mitte 80 habe ich noch einen Unternehmensneubau hingestellt.“ Weil es Freude machte. Und Jammern nicht ihr Ding ist.

Betrachtet sie die Apotheker und ihre aktuellen Probleme, so kann sie manchmal nur den Kopf schütteln. „Erfolg hängt von der jeweiligen Persönlichkeit ab. Wenn einer mit Leib und Seele Apotheker ist und versteht, mit den Patienten umzugehen, dann braucht er auch keine Flyer zu verschicken, damit er noch mehr verkaufen kann.“ Das Geheimnis einer florierenden Apotheke beschreibt sie so: „Ein guter Apotheker kennt seine Patienten und muss immer ein Schwätzle machen.“ Medikamente bekommen sie auch bei der Konkurrenz, der Zuspruch und das Zuhören sind es, die sie wiederkommen lassen. „Als überzeugter Apotheker habe ich es wesentlich besser auf dem Land als in der Stadt“, sagt sie. Da haben die Menschen nämlich noch Zeit für eine Plauderei und wissen sie auch zu schätzen.

Heute Abend feiert sie mit Familie und Geschäftsfreunden, hat rund 20 Menschen zu einer Party ins Tessin geladen. „Eine Woche später feiern wir in der Firma mit über 200 Leuten.“ Dass sie hundert Jahre alt ist, erscheint ihr erstaunlich. „Ich fühle mich überhaupt nicht wie 100. Ich erlaube mir heute, ein bisschen länger zu schlafen. Ich stehe nicht mehr um sieben auf, sondern erst um acht Uhr und manchmal erst um halb zehn“, sagt sie. „Bis ich 90 war, war ich jeden Tag im Büro.“

Ein Geheimrezept für ein langes Leben könne sie keines abliefern. Aber ein paar Ratschläge: „Man darf nie im ewigen selben Trott bleiben, muss sich immer der Welt anpassen. Ich bin immer mit jeder Lebenssituation zurechtgekommen“, erklärt sie. Wichtig sei, so sagt sie, dass man viel selbst koche. „Dann hat man keine Zusatzstoffe im Essen.“ Bis heute kocht sie täglich für sich: „Ich esse gut und gern und habe keine Bedenken, meinen Wein zu trinken.“

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