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Firmenporträt

Kehr: Privatsache Großhandel

Berlin - 95 Jahre reicht die Geschichte des Privatgroßhändlers Richard Kehr aus Braunschweig zurück, die sowohl durch den Bau als auch durch den Fall der Mauer maßgeblich geprägt wurde. Auch wenn es in den vergangenen Jahren immer wieder Übernahmegerüchte gegeben hat: Die nächste Generation bereitet sich bereits darauf vor, das Familienunternehmen weiterzuführen.

Ursprünglich waren die Kehrs eine alte Handelsfamilie aus Oschersleben bei Halberstadt, die durch Geschäfte mit Eisenwaren zu einem gewissen Wohlstand gekommen war. Richard Kehr erbt, so wie jeder seiner vier Brüder, eine Million Reichsmark – mit dem Geld erwirbt er 1924 in Halberstadt den Chemikaliengroßhändler Johanna Azzalino, der auch eigene Produkte wie die Fussschälpaste Paedinova oder „Schmerz-lass-nach“ im Sortiment hat. Kehr baut das Geschäft aus, Kunden von Berlin bis an die Weser werden per Bahnexpress beliefert.

Als sich 1945 abzeichnet, dass Sachsen-Anhalt russische Besatzungszone wird, schickt der Firmengründer seinen Prokuristen Helmut Schmidt nach Braunschweig – in den Gürtel eingenäht ist eine größere Menge Bargeld. Ein alter Bunker wird zum neuen Firmensitz; der Betrieb in Halberstadt wird fünf Jahre später verstaatlicht.

1948 kehrt Friedrich W. R. Kehr aus französischer Kriegsgefangenschaft zurück; als sein Vater kurz darauf stirbt, übernimmt er die Leitung der Geschäfte. 1955 bezieht der Großhändler erste eigene Räume in einem Fabrikareal in der Blumenstraße in Braunschweig, 1966 wird eine Filiale in Wolfsburg eröffnet, 1977 wird die erste zielgesteuerte Förderanlage in Betrieb genommen.

1980 steigt Ulrich Kehr nach dem Pharmaziestudium in den Betrieb seiner Eltern ein. Als der Vater 1982 im Alter von 67 Jahren stirbt, wirft auch Hanns-Heinrich Kehr seine Pläne für einen Job im Ausland über Bord und tritt direkt nach dem Studium der Betriebswirtschaft in Braunschweig an.

Gemeinsam analysieren die Brüder die Schwächen der Firma und erkennen, dass sie handeln müssen: Ausgestattet mit Krediten und einer Landesbürgschaft, ersetzen sie den Hauptbetrieb in Braunschweig durch einen Neubau, der den Anforderungen der Zeit gerecht wird. Die Filiale in der VW-Stadt wird geschlossen, ist das Einzugsgebiet doch mittlerweile problemlos über die Autobahn zu erreichen.

Investitionen, Einsparungen und die Erträge aus der Vermarktung der Altimmobilien sorgen dafür, dass Kehr wieder wachsen kann. Die bereits in den 1980er Jahren entwickelte, datenbankbasierte Software gilt heute im Verbund von Pharma Privat als Standard.

Als die innerdeutsche Grenze fällt, werden die Brüder bei einigen älteren Apothekern mit Freude empfangen: „Ich war bei Ihrem Großvater Kunde, ich möchte wieder Kunde bei Ihnen sein.“ In anderen Apotheken werden die Unternehmer aus Niedersachsen kritisch gemustert: „Schon wieder so ein Westanzug“, sei er in einer Apotheke in Staßfurt von der Mitarbeiterin bei der Chefin angekündigt worden, erinnert sich Kehr. „Ebenso habe ich mich dann bei der Apothekerin vorgestellt und das Eis war gebrochen!“

Um die Kunden im alten Stammgebiet beliefern zu können, werden in Braunschweig Erweiterungspläne geschmiedet. 1990 wird die Fläche verdoppelt und 2004 nochmal zweigeschossig aufgestockt: Auf drei Etagen lagert Kehr heute seine Medikamente – als einziger Großhändler in Deutschland. „So kurze Wege hat sonst keiner“, sagt Hanns-Heinrich Kehr. Kommissioniert wird zu 70 Prozent automatisch, der Rest via Handscanner. Eingelagert wird automatisch mittels sechs Meter hohen Hochgeschwindigkeitsrobotern in Durchlaufregale.

Als 2003 der ebenfalls private Großhändler Holdermann in Dessau Geld für einen Neubau braucht, springt Kehr ein und wird Seniorpartner. Das Joint Venture wird zum Sprungbrett in die Hauptstadt: Firmenchef Stefan Holdermann geht mit Kehr Holdermann an der Spree auf Kundenakquise. 150 Kunden unterschreiben entsprechende Lieferverträge mit dem einzigen Privatgroßhändler vor Ort und lassen sich ein- bis zweimal täglich beliefern.

2011 nimmt Kehr Kontakt zur Apothekenkooperation Gesine auf, die einen eigenen Großhandel für ihre Mitglieder gründen will. Doch Gesine-Chefin Susanne Lorra will keine Macht abgeben, so verlaufen die Gespräche im Sande. Als dem Verbund nach nur wenigen Monaten das Geld ausgeht, kommt für die Brüder aus Braunschweig und ihren Partner aus Dessau die zweite Chance: Aus der Konkursmasse erwerben die drei Unternehmer Anfang 2013 den nagelneuen Gesine-Standort in Ludwigsfelde; das Warenlager verkauft der Insolvenzverwalter ihnen zum halben Preis. Weitere Interessenten gab es nicht.

Am 1. Juli 2013 wird der zwischenzeitlich eingestellte Betrieb wieder aufgenommen. Die Verwaltung für die gesamte Gruppe wird in Braunschweig gebündelt. Trotz der hohen Wettbewerbsintensität kann die inzwischen gegründete „Kehr Berlin“ in wenigen Monaten ein dreistellige Anzahl an Apothekern als neue Kunden hinzugewinnen.

Vorläufige Bilanz: Knapp 40 Jahre nach der Übernahme des elterlichen Betriebs konnten die Kehr-Brüder den Umsatz von 100 Millionen D-Mark auf zuletzt 525 Millionen Euro verfielfachen. Damit ist Kehr nach dem Verkauf von Ebert + Jacobi an die Noweda der größte private Pharmagroßhändler in Deutschland. Statt 230 gehören heute 1200 Apotheker zu den Kunden der Gruppe – knapp die Hälfte davon aus den neuen Bundesländern. Nur Gewinne sind seit einiger Zeit nicht mehr drin, aber das ist in der Branche derzeit nicht ungewöhnlich.

Anm. d. Red.: Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 30. November 2014 anlässlich des 90-jährigen Firmenjubiläums unter dem Titel: „Kehr: Einmal Westen und zurück“. Alle Inhalte wurden aktualisiert.

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