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Großhandel

Verdi warnt vor Alliance

Berlin - Seit die ehemalige Anzag zu Walgreens Boots Alliance (WBA) gehört, wird der Frankfurter Großhändler auf Ertrag getrimmt. Insidern zufolge quetschen die Gesandten von Konzernchef Stefano Pessina den letzten Cent aus den deutschen Niederlassungen. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi warnt die Mitarbeiter von Alliance Healthcare Deutschland, keine neuen Arbeitsverträge zu unterzeichnen. Offenbar sollen die Konditionen gedrückt werden.

„Verdi rät vor Unterzeichnung neuer Arbeitsverträge bei der Alliance Healthcare die Beschäftigten zur Vorsicht“, so die Gewerkschaft. Die Gewerkschaft erreichen zunehmend Anfragen von AHD-Beschäftigten: Offenbar sollen für kleinere Vertragsänderungen wie bei der Arbeitszeit oder beim Arbeitsort ganz neue Arbeitsverträge unterschrieben werden. Aber es geht nach Einschätzung von Verdi um mehr: „Achtung: Diese neuen Verträge sind in wesentlichen Punkten schlechter als die alten Verträge, sei es bei der Tarifbindung, bei Flexibilisierungen oder der Definition zur Lage der Arbeitszeit!“

Es sei nicht notwendig, komplett neue Arbeitsverträge zu unterschreiben, wenn sich nur einige Arbeitsvertragsinhalte ändern sollten, rät Verdi zur Vorsicht. Bei solchen Änderungen reiche ein Zusatz zum alten Arbeitsvertrag völlig aus. Verdi: „Unser dringender Rat: Bitte lasst euch vor einer Unterschrift von eurem Betriebsrat oder direkt von uns bei Verdi beraten.“

Hintergrund der Warnung sind offenbar harte Sparmaßnahmen beim Großhändler. Ende August hatte Verdi nämlich bereits zum bundesweiten Protest gegen Alliance aufgerufen. Angeblich sollen sieben Servicecenter geschlossen werden, in denen Mitarbeiter telefonische Anfragen von Apothekern entgegennehmen. Erst vor einigen Jahren waren die telefonische Kundenbetreuung und die Retourenabteilung auf eine Handvoll Niederlassungen konzentriert worden, jetzt wird der Service weiter in der Fläche ausgedünnt.



„Nicht nur der seit der Übernahme stetige Abbau von Arbeitsplätzen, die damit verbundene Arbeitsverdichtung sowie die Bankrotterklärung in Sachen Ausbildung – jetzt auch noch die beabsichtigte Schließung von sieben Auftragsannahmen!“, kommentiert Verdi die beabsichtigten Schließungen. Dabei sei die Erreichbarkeit bei der AHD ist im Vergleich zu den Mitbewerbern sowieso schon viel schlechter. Die Schließung weiterer Servicecenter wäre laut Verdi eine „gefährliche strategische Fehleinschätzung“ und eine „unsinnige Entscheidung“.

Die ehemalige Anzag habe seit der Übernahme durch Pessina im Jahr 2012 ihre Postion im deutschen Arzneimittelgroßhandel verschlechtert. Laut Verdi ist AHD vom dritten auf den fünften Platz gerutscht. Der Marktanteil soll von 16,3 Prozent in 2010 auf nunmehr 13,9 Prozent abgefallen sein. 2010 hätten noch 2933 Mitarbeiter für AHD gearbeitet, inzwischen seien es nur noch 2348 Menschen, rechnet Verdi vor. Und vermutlich wird der Stellenabbau weitergehen. Nach Informationen aus Branchenkreisen stehen bei AHD weitere 200 Stellen zur Disposition. Übrig bleiben sollen am Ende nur noch vier Servicecenter.

Viele Mitarbeiter klagen zudem über verschlechterte Arbeitsbedingungen seit dem Umzug in die neue Firmenzentrale in Frankfurt. Abteilungsleiter müssen jetzt in einem Großraumbüro arbeiten. Ungestörtes Telefonieren mit Kunden oder Lieferanten sei nicht mehr möglich. Vertrauliche Telefonate würden per Handy auf dem Flur geführt oder vor der Tür geführt. Auch der Umgangston in der Frankfurter Firmenzentrale soll rauer geworden sein. Insbesondere Miguels Martins da Silva, seit 2014 Direktor Operations, soll gelegentlich hart durchgreifen.



Zu den Gerüchten und Vorwürfen von Verdi äußert sich Alliance Healthcare nur ausweichend. „Wie Sie wissen, arbeitet die Alliance Healthcare Deutschland mit dem Gesamtbetriebsrat zusammen und ein erstes Gespräch hat stattgefunden. Es wäre nicht angebracht, weder gegenüber dem Gesamtbetriebsrat, noch gegenüber unseren Mitarbeitern, zum jetzigen Zeitpunkt öffentlich zu diesem Thema Stellung zu nehmen“, so eine Sprecherin.

Es sei jedoch „sehr wichtig festzustellen, dass die Marktsituation von 2010 nicht mit der von 2016 vergleichbar ist“. Das gelte auch für die Unternehmensdaten in Bezug auf diese Jahre. „Der gesamte Markt steht unter einem enormen Druck und alle Marktteilnehmer haben dementsprechend ihre Strukturen angepasst“, umschreibt AHD die schwierige wirtschaftliche Lage: „Wir haben viele Anstrengungen unternommen, um auf die wachsenden Anforderungen in Bezug auf die Funktion Kundenservice einzugehen, indem wir die Auftragsannahme optimiert, unser Know-how gebündelt, unsere Prozesse verbessert und unsere Mitarbeiter regelmäßig geschult haben.“ AHD sei bemüht seinen Apothekenkunden den „bestmöglichen Service zu bieten“.

In Frankfurt scheint man sich der Probleme aber durchaus bewusst zu sein: Das Reputationsrisiko infolge des Integrations- und Transformationsprozesses und der damit verbundenen Anpassung des Geschäftsmodells wird als nicht unbeträchtlich eingestuft: „Möglicherweise können zum Beispiel traditionsbewusste Kunden diesen Prozess nicht vollständig begleiten“, heißt es in einem internen Papier. Der Veränderungsprozess solle daher „durch kommunikative Maßnahmen begleitet werden, die sicherstellen, dass ein vollständiges Bild und Zukunftsperspektiven der eingeleiteten Maßnahmen sichergestellt sind“.

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