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CVS: Rx-Boni aus der Apple Watch

Berlin - Was Microsoft und Apple für die IT-Branche sind, sind Walgreens und CVS für die Welt der Apothekenkonzerne: Behemoth und Leviathan, zumindest auf dem amerikanischen Markt. Doch alle vier haben so ihre Probleme, sei es die digitale Konkurrenz in der Gesundheitsversorgung oder die Grenzen des Geschäftsmodells für die Tech-Riesen. Walgreens hat sich deshalb kürzlich mit Microsoft zusammengetan, um die Stärken beider Seiten zu kombinieren: die Healthcare-Kompetenz der Apothekenkette mit dem Software-Know-how des IT-Konzerns. CVS tut es seinem wichtigsten Konkurrenten nun gleich, hat aber im Gegensatz zu ihm bereits ein fertiges Angebot im Gepäck.

Bei Apple läuft es gerade alles andere als rund. Im zurückliegenden Halbjahr hat der Tech-Gigant die schwer vorstellbare Summe von 300 Milliarden US-Dollar verloren – rund 30 Prozent seines Börsenwertes. Analysten sehen das wirtschaftliche Potential des iPhones – das rund zwei Drittel des Gesamtumsatzes ausmacht – an seine Grenzen stoßen. In China, einem der wichtigsten Märkte für den Konzern aus Cupertino, sank der iPhone-Absatz im letzten Quartal um 22 Prozent. Die großen Innovationen blieben zuletzt aus und die Strategie, schwächelnde Absatzzahlen durch steigende Stückpreise auszugleichen, gilt als wenig nachhaltig.

Einzig die Service-Sparte des Konzerns, zu der der App Store, iTunes, Apple Music und die iCloud gehören, zeigt sich in Hochform. 19 Prozent Wachstum werden dort verbucht, auf insgesamt 10,9 Milliarden Dollar. Und die Zielmarke für 2020 sorgt für große Erwartungen: 50 Milliarden Dollar sollen es dann sein. Wie bei so vielen Technologiekonzernen hat bei Apple das Wort „Ökosystem“ Konjunktur: Das immer umfassendere, engere – und für den Nutzer vermeintlich immer komfortablere – Netz aus Hard- und Software soll in allen Lebensbereichen Anwendung finden, vom Shopping über das Autofahren bis zur Gesundheit.

Wie gut, dass es die Gesundheitsbranche gibt, die gilt als krisenfest und der potentielle Kundenstamm als fast unerschöpflich. Wie Amazon und Microsoft schielt Apple deshalb schon seit längerem auf diesen lukrativen Markt – die Gesundheitsfunktionen der Apple Watch zeugen davon. Der „proaktive Gesundheitsmonitor“ – laut Apple ist die Uhr „halb Bodyguard, halb Guru“ – steht dementsprechend auch im Mittelpunkt der nun bekanntgegebenen Kooperation zwischen beiden Konzernen. Im Gegensatz zur Walgreens/Microsoft-Allianz, die allerlei Visionen erklärt, aber noch keine fertigen Produkte vorweisen kann, haben CVS und Apple bereits ein Angebot im Gepäck: die App Attain.

Erhältlich ist die App für die Apple Watch ab dem Frühjahr für Kunden von Aetna, dem Krankenversicherer, den CVS vergangenes Jahr für 68 Milliarden Dollar geschluckt hat. Für Datenschützer hierzulande taugt sie zum Orwell‘schen Alptraum: Tausche deine Gesundheitsdaten gegen bares Geld, ist die Versprechung, die sie den Anwendern macht. Alter, Geschlecht und Gewicht sind auf der App quasi vorinstalliert, sie werden automatisch aus den Versichertendaten von Aetna in die App geladen.

Darauf aufbauend können Anwender ihre Gesundheits- und Aktivitätsdaten tracken lassen, um dafür nicht nur personalisierte Empfehlungen zu erhalten, sondern vor allem Boni beim Kauf in CVS-Apotheken. Halt dich gesund und es wird billiger, dich gesund zu halten, so die Logik. Wie hoch die Rabatte sind und auf welche Produkte oder Dienstleistungen genau es sie geben soll, hat Aetna noch nicht erklärt. Außerdem erinnert die App ihre Nutzer, wenn Verordnungen auslaufen oder Impferneuerungen anstehen.

Das Unternehmen verspricht, die Daten würden keinen Einfluss auf die Versicherungsprämien haben. Auch bei der Datenübertragung beteuert der Versicherer, dass die volle Kontrolle beim Anwender bleibe: „Datensicherheit und der Schutz der Privatsphäre sind das Herz von Attain“, schreibt CVS. „Es ist ein vollkommen freiwilliges Programm, die Mitglieder bestimmen, welche Informationen sie teilen wollen und können jederzeit aufhören, Attain zu verwenden. [...] Informationen aus diesem Programm werden nicht für das Underwriting, Vertrags- oder Erstattungsentscheidungen herangezogen.“

Apple arbeitet unterdessen daran, seine Kompetenz in der Gesundheitsdatentechnologie auszubauen. Erst vergangene Woche verkündete CEO Tim Cook, in Kooperation mit Johnson & Johnson später in diesem Jahr eine großangelegte Studie durchzuführen, bei der der Einfluss der Apple Watch auf die Erkennung von Herzrhythmusstörungen bei über 65-Jährigen erfasst werden soll. Ein regelmäßiges Monitoring der mittels eines optischen Herzsensors und einer im Dezember 2018 gestarteten EKG-App erhobenen Daten soll dabei helfen, Herzinfarkte, Schlaganfälle und andere mit Herzrhythmusstörungen assoziierte Ereignisse besser zu verhindern, so die naheliegende These.

In eine ähnliche Richtung geht die vor zwei Wochen verkündete Forschungs- und Entwicklungskooperation von Walgreens und Microsoft. Die beiden Konzerne wollen sich darauf konzentrieren, Geräte und Anwendungen zu entwickeln, die Walgreens-Filialen und Gesundheitsdatenbanken mit den Kunden verbinden, „wo auch immer sie sind“. Das werde „den Menschen den Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen ermöglichen – wann, wo und wie sie sie benötigen“, wie Partnerunternehmen es ausdrücken. Die Spanne soll dabei von der Prävention über Bagatell- bis hin zu chronischen Krankheiten reichen. Durch eine Mischung aus hauseigener Forschung und Entwicklung sowie externen Partnerschaften solle eine ganze Reihe von Entwicklungen das Internet der Dinge mit neuartigen KI-Technologien kombinieren.

Die beiden größten US-Apothekenketten drängen – auch als Reaktion auf die zunehmende Bedrohung durch Amazon – verstärkt in digitale Geschäftsfelder. So hat Walgreens vergangenes Jahr unter anderem Kooperationen mit der Supermarktkette Kroger und dem chinesischen Amazon-Pendant AliBaba gestartet und ist in das Telemedizin-Business eingestiegen.

Auch für die deutschen Apotheken führt kein Weg am digitalen Wandel vorbei. Deshalb widmet sich im März auch VISION.A, die Digitalkonferenz von APOTHEKE ADHOC, dem entscheidenden Zukunftsthema. Zu den Speakern am 20. und 21. März in Berlin gehören unter anderem Professor Dr. Jürgen Schmidhuber, einer der Väter der Künstlichen Intelligenz, dessen Algorithmen von Apple über Facebook bis Google Anwendung finden, und Professor Dr. Viktor Mayer-Schönberger, Mitglied im Digitalrat der Bundesregierung und einer der renommiertesten Experten für die digitale Weltwirtschaft.

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