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Baustellen-Horror

Notverkauf: Apotheker verklagt München

Berlin - „Die Stadt München hat mein Lebenswerk zerstört“, sagt Apotheker Robert Scheerer. Seine Gesundbrunnen-Apotheke in Pasing lief jahrelang glänzend, für seine innovativen Ideen wurde er mehrfach ausgezeichnet. Eine Großbaustelle bremste ihn schließlich aus. Schaden: 700.000 Euro. Jetzt verklagt er die Stadt, zuerst auf eine Teilsumme.

Es ist der Albtraum eines jeden Apothekers: Eine Großbaustelle vor der Tür vergrätzt jahrelang die Kunden. Die Einnahmen sinken. Die Briefe der Bank werden eindringlicher. Wie lange können Sie Ihren Kredit noch bedienen? Wir raten Ihnen dringend, Ihre Apotheke zu verkaufen und früher als geplant in Rente zu gehen. Anderenfalls: Privatinsolvenz.

Scheerer hat das alles durchlebt. David gegen Goliath. Goliath, das ist die reiche Stadt München, deren Rechtsanwalt die Arroganz erahnen lässt, mit der eine große Stadt gegen den vermeintlich kleinen Apotheker auftritt: „Sie können nicht erwarten, dass ein Anwalt am Telefon Auskunft gibt“, sagt der Jurist auf Nachfrage, die Seite der Stadt darzustellen.

„Ich will mich nicht kampflos ergeben“, sagt Scheerer. Und dass er der Ungerechtigkeit und Übermacht der Stadtverwaltung die Stirn bieten will. Dafür hat der 67-Jährige bislang 5000 Euro in Anwaltskosten investiert, für den nächsten juristischen Schritt ist mindestens noch einmal diese Summe fällig. Er weiß, dass viele Unternehmer aus Pasing, die in den vergangenen Jahren ebenfalls von den Auswirkungen der Großbaustelle betroffen waren, entmutigt aufgegeben haben. „Einige haben sich einen neuen Standort gesucht, andere haben ihre Geschäfte geschlossen“, sagt Scheerer, „wiederum andere, die Pächter von Immobilien der Stadt waren, sollen Entschädigungszahlungen erhalten haben.“ Seines Wissens ist er der Einzige, der den juristischen Kampf aufgenommen hat. Finanziell bedeutet das ein Wagnis mit unsicherem Ausgang.

Im März 2015 musste er seine Apotheke für 150.000 Euro verkaufen. Ohne die Baustelle, schätzt er, wäre sie 400.000 Euro wert gewesen. Und hätte, wie geplant, seiner Frau und ihm einen sorglosen Lebensabend garantiert. Jetzt gehören Sorgen zu seinem Leben. Aber es gibt auch Lichtblicke. Gerade war Verhandlung am Landgericht München. Er hat die Stadt auf einen Teilbetrag des Schadens, 250.000 Euro, verklagt. Dabei hat er jetzt einen kleinen Teilsieg errungen: Nachdem die Gegenpartei gefordert hatte, der Apotheker müsse beweisen, dass die Schäden ausschließlich durch die Großbaustelle entstanden seien, ordnete der nun Richter an, dass die Stadt binnen zwei Monaten genau auflisten muss, wann wo welche Baustellen in Pasing waren.

Scheerer hat naturgemäß Schwierigkeiten, die Beweggründe von Kunden, die nicht mehr bei ihm kauften, zu „belegen“. Während in den Jahren 2008 bis 2014 vor seiner Haustür Bayerns drittgrößter Bahnhof und ein riesiges, seltsam galaktisch anmutendes Einkaufszentrum entstanden, blieben danach in seiner Offizin immer mehr Kunden weg. Kein Wunder: Wenn der Fußweg beschwerlich ist, man nicht weiß, welche Zufahrtsstraße heute wohl frei ist, und man befürchtet, keinen Parkplatz zu bekommen, fährt man sicherheitshalber eher zur Konkurrenz. Betroffen waren die täglich rund 1000 Patienten von 40 Arztpraxen im Viertel, darunter Fachärzte der Orthopädie und Onkologie. „Das sind Patienten, die unter Schmerzen leben und dankbar sind, wenn es nach der Behandlung oder der Infusion zum Parkplatz oder nächsten Taxistand nach dem Arztbesuch nur ein paar Schritte sind. Aber auch der Taxistand wurde verlegt, danach lag er noch weiter entfernt“, so Scheerer.

„Das ganze Viertel war von vorne bis hinten blockiert. In meine Apotheke kamen statt 350 Kunden pro Tag nur noch 150.“ Straßen und Gehwege wurde aufgerissen, wieder zubetoniert, Bushaltestellen verlegt, ein Fußgängertunnel installiert, jahrelang dauerten die Arbeiten an. „Bei der Fernwärme gab es zum Beispiel immer wieder Nachzügler, die auch plötzlich wollten, sodass bereits fertige Abschnitte wieder neu aufgerissen wurden“, erzählt Scheerer. „Straßen wurden ohne Ankündigung als Abladeplätze für Baustoffe genutzt und waren für Autos und Fußgänger nicht passierbar. Pasing war früher ein offen anfahrbarer Stadtteil, heute ist er das nur noch für Anlieger. Früher gab es 300 Parkplätze, heute nur noch wenige.“

Ein Protestbrief an den ehemaligen Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD, bis 2014 im Amt) blieb ohne Erfolg. „Er schrieb, dass beim Pasinger Bahnhof ein überregionales Interesse bestehe und dass die Unternehmer die Konsequenzen für den entstandenen Schaden selbst tragen müssten.“ Scheerer will anhand seiner Steuererklärungen beweisen, dass seine Umsätze und Gewinne seit Beginn der Großbaustelle im Jahr 2008 kontinuierlich gesunken sind. Damals startete das Projekt, in dessen Rahmen der Bahnhof und der Bahnhofsplatz umgebaut und das Einkaufszentrum Pasing Arcaden (Eröffnung März 2011) neu gebaut wurden.

„Insgesamt liegt mein Verlust bei 700.000 Euro“, sagt Scheerer. „Meine Apotheke hatte jahrelang knapp zwei Millionen Euro Umsatz, zuletzt lag er bei nur noch 1,4 Millionen Euro. In den Jahren vor der Baustelle sind Umsatz und Gewinn kontinuierlich gestiegen, das kann ich anhand der Steuererklärungen belegen. Wir hatten 17 Ärzte in unmittelbarer Nähe und hätten das langfristige Ziel, drei Millionen Euro Umsatz im Jahr, mühelos erreichen können.“

Aber es kam anders: „An dem Tag, als die Apobank mir mitteilte, dass sie den Kredit um 20.000 Euro im Jahr kürzt, konnte ich mir ausrechnen, wann ich pleite sein würde.“ Er verkaufte schweren Herzens. „Mit dem Geld unterstütze ich meine Eltern, die beide über 90 Jahre alt sind, und meinen Bruder, der lange im Ausland lebte, jetzt wieder in Deutschland und schwer krank ist und keine Krankenversicherung hat. Meine Frau und ich leben von meiner reduzierten gesetzlichen Rente.“

Neben dem Verlust der Apotheke bleibt bei Scheerer auch das bedrückende Gefühl, dass vieles der in den vergangenen fast drei Jahrzehnten geleisteten Arbeit umsonst war. „Ich war in Pasing sehr vernetzt“, sagt er, „habe mit einer befreundeten Apothekerin zum Beispiel den Verein ‚Babyfreundliche Apotheke‘ gegründet. Wir haben mit Hebammen und Geburtskliniken zusammengearbeitet, wurden für diese innovative Idee von Markus Söder ausgezeichnet. Mit einem anderen Kollegen habe ich den ‚Pasinger Gesundheitstag‘ initiiert, wir haben Rundläufe veranstaltet und Vorsorgeuntersuchungen abgehalten. Die Gesundbrunnen-Apotheke war in Pasing eine Institution.“

Die Apotheke gibt es immer noch und eine wichtige Bedingung beim Verkauf war, dass alle Mitarbeiter übernommen wurden. „Bei mir arbeiteten Menschen, mit denen ich schon in die Schule gegangen bin. Es war wichtig für mich, dass sie nicht arbeitslos werden und mit ihren Familien quasi ins Wasser fallen.“

Die nächste Verhandlung soll im Januar 2018 sein. Bis dahin versucht Scheerer, sich abzulenken: „Wir radeln gerne, ich möchte einmal mit dem Fahrrad über die Alpen. Und einmal mit meiner Frau durch den Starnberger See schwimmen.“

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