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Sorge vor dem Brexit

Britischer Apotheker in Deutschland: „Der Standard hier ist fantastisch“

Berlin - Apotheker Nigel Carling hat sich etwas getraut, was sich nicht viele zumuten: Er ist aus seinem etablierten Leben ausgebrochen, um sich in einem anderen Land eine neue Existenz aufzubauen. Leicht war es nicht, aber er hat es geschafft – und ist jetzt plötzlich mit neuen Unsicherheiten konfrontiert. Denn nach wie vor ist nicht sicher, wie der Brexit verlaufen wird. Die Hardcore-Brexiteers in der britischen Regierungspartei tun fast alles, um das fertige Austrittsabkommen noch zu versenken. Was ein harter Brexit aufenthaltsrechtlich für Briten in der EU bedeuten würde, ist unklar. Theoretisch müssten sie als Drittstaatler das Land verlassen. Für Carling als britischen Staatsbürger bringt dass vor allem Ungewissheit, denn er hat nicht vor, Deutschland wieder den Rücken zu kehren.

„Bis vor Kurzem habe ich noch gehofft, dass es doch nicht passieren wird“, zeigt sich Carling bedrückt. „Vor allem in letzter Zeit verfolge ich ständig die Nachrichten und muss jetzt leider sagen: Ja, es wird definitiv kommen.“ Dass die Bundesregierung plant, den Erhalt der deutschen Staatsbürgerschaft für Briten zu erleichtern, freue ihn deshalb zu hören. Beabsichtigt ist einem Gesetzesentwurf zufolge, dass Briten, die während der Übergangszeit nach dem EU-Austritt die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen, ihre britische behalten dürfen. Auch ohne diese Möglichkeit ist die Zahl der Briten, die Deutsche geworden sind, seit dem Referendum im Juni 2016 in die Höhe geschnellt: Über 10.000 waren es allein 2016 und 2017 – mehr also doppelt so viele wie in den Jahren von 2000 bis 2015 zusammen.

Für Deutschland stellt der Brexit damit neben all den Gefahren auch eine kleine Chance dar. Denn – das betont auch die Kanzlerin regelmäßig – der Fachkräftemangel gilt als eines der größten Probleme für die weitere Entwicklung der deutschen Wirtschaft. „Ich mache mir deshalb wenig Sorgen, dass man mich aus dem Land schmeißt, ich habe schließlich einen qualifizierten Job und zahle viele Steuern. Außerdem herrscht in Deutschland eine große Nachfrage nach Pharmazeuten. Ich habe also gute Chancen, hier zu bleiben“, zeigt sich Carling optimistisch. Die Staatsbürgerschaft zu beantragen, stehe aber trotzdem auf seinem Plan.

Denn seine Zukunft sieht er in Deutschland und das nicht zuletzt wegen seines hiesigen Arbeitslebens. Für das deutsche Apothekenwesen ist er nämlich voll des überschwänglichen Lobes. „In Deutschland sind viele Dinge grundlegend anders, aber der Standard hier ist fantastisch“, findet er. Insbesondere seine Kollegen haben es ihm angetan. „Die Qualität der Mitarbeiter hier ist wirklich unvergleichbar, vor allem die Ausbildungen zur PTA und PKA sind absolut großartig. Ich würde sagen, selbst die schlechteste PTA in Deutschland ist besser als die beste in Großbritannien.“

Das mache er vor allem an der Sachkompetenz fest. So dürfen PTA in Großbritannien lediglich Rezepte für Folgeverordnungen entgegennehmen und werden auch nur dementsprechend ausgebildet. Außerdem sei das deutsche Gesundheitssystem im Vergleich zum britischen einiges komplexer: Während hierzulande beispielsweise je nach Krankenkasse verschiedene Rabattverträge beachtet werden müssen, gibt es in Großbritannien nur den Nationalen Gesundheitsdienst (NHS), der alles einheitlich regelt. Dazu komme, dass es in einer durchschnittlichen deutschen Apotheke ein größeres Sortiment an Arzneimitteln gebe. „Manche Arzneimittel, die ich hier sehe, würde ich einer normalen britischen Apotheke nie zu Gesicht bekommen, Clozapin zum Beispiel oder viele der HIV-Medikamente, die man hier kriegt.“

Der größte Vorteil der Arbeit hierzulande sei aber der enge Kontakt zu den Kunden. „Dadurch, dass PTA hier Rezepte beliefern dürfen, bleibt dem Apotheker mehr Zeit für die Beratung. In Großbritannien dagegen sind Apotheker eigentlich nur menschliche Rezeptkontroll-Computer“, erklärt der 50-Jährige. „Das ist einer der Hauptgründe, warum ich das Apothekerleben hier so mag, dafür habe ich studiert!“ Und dann komme obendrauf noch der Umgang. Der sei in Deutschland respektvoller. „In Großbritannien wurde Apothekern und Ärzten vor 20 Jahren noch viel mehr Achtung entgegengebracht als heute, aber irgendwie ist das verloren gegangen. Hier hat sich das gehalten, glaube ich.“

Carling sollte eigentlich wissen, wovon er spricht, schließlich hat er über 25 Jahre Berufserfahrung und in dieser Zeit „schon überall im Vereinigten Königreich gelebt und gearbeitet, von London bis zum nördlichsten Schottland“. Dabei hat er einiges auf die Beine gestellt, denn nicht nur hat er als angestellter Pharmazeut in zahlreichen Kettenapotheken gearbeitet, sondern auch zwei selbst aufgebaut. „In Gairloch und Bowmore habe ich jeweils für einen örtlichen Arzt eine Apotheke eröffnet. Die hatten beide ihre Dispensierlizenzen abgegeben und wollten, dass die Patienten vor Ort in einer Apotheke ihre Medikamente erhalten können.“ Whisky-Liebhabern wird es jetzt in den Ohren klingeln: Ja, jenes Bowmore auf Islay.

Denn die Insel ist weltberühmt für ihre Whiskys. Namen wie Ardbeg, Lagavulin, Laphroaig oder eben Bowmore sagen selbst manchen Abstinenzlern etwas. Whisky soll ja gegen viele Leiden helfen, Arzneimittel kann er dennoch nicht ersetzen. Und bei denen gab es ein Versorgungsproblem, denn die über 3000 Einwohner, die sich auf über 600 Quadratkilometer verteilen, hatten keine Apotheke, zumindest bis Nigel Carling kam. Der eröffnete 2007 die Islay Pharmacy in Bowmore. „Einen Arzt gab es zwar auf der Insel, aber mit dessen Rezepten mussten die Bewohner dann immer erst aufs Festland reisen, um ihre Medikamente zu bekommen“, erklärt er.

Mit seiner Initiative beeindruckte der gebürtig aus dem englischen Durham stammende Apotheker nicht nur die Inselbewohner, sondern auch einen deutschen Kollegen. „Eines Tages stand ein deutscher Apotheker in der Tür und war begeistert von dem, was wir da auf die Beine gestellt hatten“, erzählt Carling. Besagter Apotheker war Hans-Günter Lund, Inhaber der Königlich privilegierten Apotheke in Leck bei Flensburg. „Ich bin recht regelmäßig auf Islay, weil ich ein großer Whisky-Fan bin“, erinnert der sich. „Da fiel mir die Apotheke natürlich auf. Nigel und ich haben uns gut verstanden, haben beim Bier gescherzt, dass wir uns ja gegenseitig vertreten sollten – wissend, dass das natürlich rechtlich nicht ging.“ Irgendwann kam dann das Gespräch auch darauf, dass Lund seinen Freund Carling ja auch einstellen könne.

„Ich war ohnehin auf der Suche nach einer neuen Herausforderung“, erinnert Carling sich an seine Motivation. Also packte er seine sieben Sachen und zog nach im September 2015 nach Norddeutschland. Und Herausforderungen fand er dort zur Genüge. Die Einarbeitungszeit als Apotheker unter Aufsicht lief noch äußerst angenehm. „Er hatte schnell einen großen Fanclub unter den Kunden, die fanden das großartig mit ihm“, sagt Lund. Doch dann rückte die kombinierte Fach- und Fachsprachenprüfung zur Anerkennung der Approbation näher. „Fachlich war das nicht so schwer – aber die deutsche Sprache, mit der war es sehr, sehr schwer“, erinnert er sich. Und so scheiterte er auch im ersten Durchlauf.

Also zog es den Rastlosen weiter, bis er schließlich in der Bielefelder Bären-Apotheke landete und die Anerkennung im zweiten Anlauf bestand. „Hier bin ich in einer großen Stadt, da kann ich meine Muttersprache endlich auch zu meinem Vorteil nutzen“, sagt er. „Das ist der perfekte Arbeitsplatz.“ Wie er das so sagt, klingt es tatsächlich fast, als sei er nach einem Vierteljahrhundert angekommen.

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