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Mauerfall am 9. November 1989

„Die sind im Gänsemarsch durch meine Apotheke gelaufen“

Berlin - Als am 9. November 1989 Günter Schabowski gegen 19 Uhr mit seinen legendären Sätzen die Mauer zwischen der damaligen Bundesrepublik und der DDR einriss, hatte die Markt-Apotheke in Duderstadt bereits geschlossen. Heute erinnert sich der jetzt 73-jährige Apotheker Gerhard Hasse immer noch mit emotionaler Rührung in der Stimme an das historische Ereignis: „Das war eines der intensivsten Erlebnisse meines Lebens.“ Auch Mira Sellheim aus Gießen hat damals angepackt und Thüringer Kollegen beim Start in die Freiberuflichkeit unter die Arme gegriffen.

Kurz nach 19 Uhr am 9. November 1989 antwortete Schabowski auf eine Journalistenfrage: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Paß- und Meldewesen der Volkspolizeikreisämter in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne das dafür noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen. Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD beziehungsweise zu West-Berlin erfolgen.“ Auf die Nachfrage des Hamburger Bild-Zeitungsreporters Peter Brinkmann „Wann tritt das in Kraft?“ antwortete Schabowski: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“

Mit diesen Worten begann auch in Duderstadt eine neue Zeitrechnung: Wie präsent die ehemalige Zonengrenze in den Köpfen der Duderstädter Bürger war, schildert Hasse so: „Vom Tennisplatz aus mit dem richtigen Aufschlag hatten Sie den Ball drüben. Wir waren so richtig dicht dabei.“ Dass irgendetwas in der Luft klag, wurde Apotheker Hasse schon Tage vor der Maueröffnung zugetragen. In Duderstadt herrschte bereits seit längerem ein reger Austausch mit Senioren, die aus der DDR bereits nach Westdeutschland reisen durften: „Da kamen Rentner zu uns rüber. Daher hatten wir schon einen gewissen Austausch“, erinnert sich Hasse, „die haben bei uns immer eingekauft.“ Aus dieser Zeit hatte Hasse mehrfach Kontakt zu einem „Ministerialrat“. Drei Tage vor der Grenzöffnung habe dieser ihm angekündigt: „Mensch, bei uns ist irgendetwas los. Ich glaube die Grenze geht auf.“ „Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen“, erwiderte Hasse. Wenige Tage später wurde er selbst Augenzeuge: „Ich hatte doch überhaupt nicht damit gerechnet, dass ich jemals da rüberkommen würde.“ Er habe noch nicht einmal die Namen der hinter der Grenze liegenden Dörfer gekannt.

Als dann die Grenze drei Kilometer von seiner Markt Apotheke aufgemacht wurde, „ging hier die Post ab“, erinnert sich Hasse. Gleich am Abend seinen Tausende DDR-Bürger nach Duderstadt gekommen. „Über Duderstadt wölbte sich eine riesige Rauchwolke von den Trabi-Motoren.“ Von der Grenze bis in die Stadt standen die Menschen Spalier und jubelten den DDR-Bürger zu. Mit den 100 D-Mark Begrüßungsgeld stürmten die DDR-Bürger am Abend zunächst in die Wirtshäuser, erinnert sich Hasse: „Die Stadt war voll, so voll wie nie und wie sie wahrscheinlich nie wieder sein wird.“

Nicht nur Supermärkte lockten am nächsten Morgen das Interesse der DDR-Bürger: „Die sind im Gänsemarsch durch meine Apotheke gelaufen.“ Und haben fast alles gekauft, das ohne Rezept erhältlich war. „Eine Kundin hat mich nach Spalt-Tabletten gefragt“, so Hasse, „ob wir die vorrätig hätten.“ Der Apotheker schreibt die Frage der Mangelwirtschaft in der ehemaligen DDR zu. Gefragt worden sei insbesondere nach den Marken aus der TV-Werbung: „Im Grenzgebiet war der Empfang von Westfernsehen ja möglich. Daher kannte diese DDR-Bürger die gängigen Markennamen.“

Es sei für ihn bitter zu erfahren gewesen, wie schlecht die Bürger der DDR tatsächlich versorgt worden seien. „Den Kindern haben wir Traubenzucker mitgegeben“, so Hasse. Auch das hätten viele nicht gekannt. Ausverkauf war die Apotheke trotz des Ansturms nie. Dank der hohen Lieferfrequenz des Großhandels seien seine Regale stets gut gefüllt gewesen – anders als in einigen Supermärkten.

Zwar ist Gießen nicht so nahe an der ehemaligen Zonengrenze gelegen wie Duderstadt, aber auch hier haben die ortsansässigen Apotheker über den Fall der Mauer reagiert: Apothekerin Mira Sellheim und ihr mittlerweile verstorbenen Ehemann haben sich mit anderen Apothekern spontan in einen Kleinbus gezwängt und sind nach Altenburg gefahren. Gießen sollte eigentlich Partnerstadt der Thüringer Gemeinde werden. Daraus wurde zwar nichts, aber aus dem Apothekertrip entstand trotzdem eine enge Verbindung: „Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“, erinnert sich Sellheim. Jeder der Gießener Apotheker habe einen Kollegen unter die „Fittische“ genommen. Altenburger Apotheker hospitierten so bei den Gießener Apothekern. Man habe versucht, den Thüringer Kollegen die Sorgen vor der neuen Freiberuflichkeit des Apothekerlebens zu nehmen. Sellheim: „Wir haben auch die Konditionen des Großhandels erläutert und wie man am besten mit den Vertretern verhandelt.“

Pharmazeutisch seien die ostdeutschen Apotheker ohnedies auf der Höhe des Wissens gewesen, so Sellheim: „Angesichts der schlechteren Versorgungslage mussten unserer Kollegen ja früher viel mehr improvisieren.“ Aber nicht nur das: Es wurde zusammen gefeiert, dabei wurden Kontakte zu Steuerberatern hergestellt: „Jeder bekam soviel Hilfe wie der wollte“, so Sellheim. Daraus entstanden sind auch persönliche Freundschaften, die teilweise bis heute gehalten haben.

Auch in Braunlage im Harz schlugen am 9. November die politischen Wellen hoch: Apotheker Peter Braem, damals stellvertretender Vorsitzender des Landesapothekerverbandes Niedersachsen führte dort zwei Apotheken. Braem, selbst in Quedlinburg hinter dem Eisernen Vorhang geboren, verbrachte die ganze Nacht am Grenzübergang. „Den Menschen muss geholfen werden“, erinnert sich Braem an die damaligen Zustände. Insbesondere Asthmatiker meldeten sich in seiner Apotheke, weil viele wichtige Arzneimittel in der „Noch“-DDR nicht zu bekommen waren: „Ich habe alles abgegeben, was ich hatte“, so Braem – auf Rezept und wenn es keines gab, dann kostenlos. Um ganze Listen von nicht erhältlichen Arzneimitteln hat er sich gekümmert und seine guten Kontakte als stellvertretender Verbandschef dafür genutzt. „Die Menschen dort mussten versorgt werden, da habe ich Druck gemacht.“

Nicht gefallen hat Apotheker Hasse aus Duderstadt allerdings die „Goldgräberstimmung“ einiger Westdeutscher. „Die haben alles rübergeschaft und den DDR-Bürgern angedreht, alte Autos, Versicherungen. Das war bitter zu sehen, wie viele DDR-Bürger übers Ohr gehauen worden sind. Das hätte anders laufen müssen.“ Und natürlich seien auch Apotheker aus der DDR zu ihm gekommen, erzählt Hasse: „Die mussten noch eine Prüfung zur Gesetzeskunde ablegen.“ Einige Kollegen sind nur kurz geblieben, andere weiter in den Westen gezogen oder später als selbständige Apotheker wieder in ihre Heimat zurückgekehrt.

Auch PTA kamen über die nun offene Grenze. Davon hätten aber nicht wenige Probleme mit der Umstellung gehabt, erinnert sich Hasse. „Die waren das Arbeitstempo in unserer Apotheke nicht gewohnt“, so Hasse. „Sie hatten Schwierigkeiten drei, vier Dinge gleichzeitig zu machen.“ Daher seien einige nach kurzer Zeit wieder zurückgegangen: „Auch wissen Sie, bei uns sitzen in den Apotheke vier, fünf Leute herum, trinken Kaffee und haben nichts zu tun“, haben ihm eine DDR-Pharmazeutin erklärt.

Das hat aber nicht lange gedauert: Bei Hasse arbeiteten nach kurzer Eingewöhnungszeit viele Mitarbeiter aus dem angrenzenden Thüringen. Als ehemalige „Zonenrandgebiet“ sei es immer schwierig gewesen, Mitarbeiter zu finden, berichtet Hasse: „Hier wollte doch niemand freiwillig hin, weder wohnen noch arbeiten.“ Durch die Grenzöffnung haben wir viele Mitarbeiter gewinnen können: „Das war unser großes Glück.“ Die sind alle gut ausgebildet, motiviert, „fit wie ein Turnschuh“, so Hasse: „Etwas Besseres als die Wiedervereinigung konnte Deutschland und uns hier nicht passieren. Es gibt keinen Grund zu Jammern.“

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