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Bundeswirtschaftsministerin

Zypries (SPD) bei DocMorris: Mehr Luft zum Atmen

Berlin - Andere Politiker besuchen im Wahlkampf gerne Vor-Ort-Apotheken in ihren Wahlkreisen. Nicht so Brigitte Zypries (SPD): Die Bundeswirtschaftsministerin und hartnäckige Gegnerin eines Rx-Versandverbotes besuchte jetzt die niederländische Versandapotheke DocMorris. Dort informierte sich Zypries über neue E-Health-Anwendungen. Darin sieht sie Chancen für die Arzneimittelversorgung auf dem Land.

 

Im Koalitionsstreit um eine angemessene Antwort der Bundesregierung auf das EuGH-Rx-Boni-Urteil hatte sich Zypries gegen den Vorschlag von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) zur Einführung eines Rx-Versandverbotes gestemmt. Der Rheinischen Post sagte Zypries: „Wir wollen den Versandhandel nicht völlig verbieten, da er gerade im ländlichen Raum und für chronisch kranke Menschen große Vorteile bringt. Deshalb sind wir derzeit in Gesprächen, um über eine geeignete Regelung Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden.“ Es sei aber „befremdlich“, dass in diesen Zeiten, in denen überall der Internet-Handel wachse, eine Sparte völlig ausgenommen werden solle.

Mit ihrer Stippvisite bei DocMorris unterstrich Zypries jetzt ihre Position zu diesem Thema. Im Mittelpunkt des Besuches stand laut DocMorris der videobasierte „LiveChat“. Mit dessen Hilfe können sich Patienten von zu Hause aus von den pharmazeutischen Fachkräften der Versandapotheke beraten lassen können. „Wir sind davon überzeugt, dass das Vertrauen in die Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft steigt, wenn innovative pharmazeutische Services der Apotheke 4.0 unter Einbindung und zum Nutzen der Menschen eingesetzt werden“, erklärt Olaf Heinrich, CEO von DocMorris.

Ende Mai 2017 hatte Zypries das BMWi-Eckpunktepapier zur Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft in Berlin vorgestellt. Dies war Anlass, sich vor Ort im deutsch-niederländischen Business-Park-Avantis der Städte Aachen und Heerlen über die Strukturen, Abläufe und digitalen Lösungen von Europas größter Versandapotheke zu informieren, heißt es in der Erklärung.

 

Im Gespräch mit DocMorris-Mitarbeitern äußerte sich Zypries positiv zu den Möglichkeiten der elektronischen Datenübermittlung: „Die fortschreitende Digitalisierung im Gesundheitswesen bietet uns die Chance, gerade in ländlichen Regionen die medizinische und pharmazeutische Versorgung der Bevölkerung zu verbessern und zu erleichtern. Unser Ziel muss es daher sein, Hemmnisse weiter abzubauen und Innovationen mehr Luft zum Atmen zu geben, um die Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft voranzutreiben.“

Vor Ort testete Brigitte Zypries den telepharmazeutischen Beratungsservice „Video-LiveChat“. Zudem informierte sich die Bundeswirtschaftsministerin über das Medikationsmanagement von DocMorris. Nach eigenen Angaben betreut DocMorris zahlreiche Patienten in Zusammenarbeit mit pharmazeutischen Unternehmen und Krankenkassen in Adhärenz- und Compliance-Programmen. Dabei ermöglichten Innovationen und pharmazeutische Kompetenz in Kombination mit moderner Technologie und Infrastruktur, die Vielfalt an Daten für die Patientinnen und Patienten verfügbar zu machen, um so ihre Lebensqualität zu steigern, so DocMorris.

Dass Zypries der Digitalisierung im Gesundheitswesen offen gegenübersteht, ist spätestens seit ihrem im Mai präsentierten Neun-Punkte-Papier offenkundig. Darin forderte Zypries größere Frei- und Experimentierräume für digitale Technik. Auch das gerade erst verschärfte Fernbehandlungs- und Fernverschreibungsverbot stellte Zypries wieder in Frage: DrEd sollte wieder eine Chance in Deutschland erhalten. Auch Big-Data im Gesundheitsdaten will Zypries erleichtern.

 

Unter der Überschrift „Erleichterungen für telemedizinische Anwendungen“ fordert Zypries eine Überprüfung des Fernverschreibungsverbotes. Seit April 2017 sei Telemedizin „in gewissem Umfang Teil der gesetzlichen Regelversorgung“, heißt es in dem Digitalisierungspapier des BMWi. Durch die Berufsordnung für Ärzte sei jedoch festgelegt, dass ein physischer Erstkontakt die telemedizinischen Leistungen ergänzen muss (Fernbehandlungsverbot).

Modellprojekte, beispielsweise in Baden-Württemberg, ermöglichten den Erstkontakt zwischen Arzt und Patient auch per Videosprechstunde. „Auch eine Fernverschreibung von Arzneimitteln aufgrund von § 48 Arzneimittelgesetz kann nur sehr eingeschränkt vorgenommen werden (Fernverschreibungsverbot), beschreibt das BMWi aus Ausgangslage. „Auf Basis der Erkenntnisse derzeit laufender Modellprojekte soll das Gespräch mit der Bundesärztekammer zur Anpassung des Fernbehandlungsverbots in der Musterberufsordnung gesucht werden. Zudem soll eine bundesweite Anpassung des Fernverschreibungsverbots geprüft werden“, forderte das Wirtschaftsministerium.

Innovative Ideen würden „oft schon im Keim erstickt“, kritisierte das BMWi: „Insgesamt lässt das Tempo der Digitalisierung in der Gesundheitswirtschaft noch zu wünschen übrig.“ Normalerweise tritt die SPD für einen strengen Datenschutz ein. Wirtschaftsministerin Zypries will bei Big Data im Gesundheitswesen aber den Datenaustausch erleichtern. Daten aus der Versorgung stünden „nur sehr begrenzt und stets rein zweckgebunden für die Versorgungsforschung zur Verfügung“, heißt es im Eckpunktepapier. Eine Verknüpfung von Daten, die vom Patienten selber erhoben werden, mit Daten aus dem professionellen medizinischen Bereich, sei derzeit nicht möglich.

 

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