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Müllsteuer für Apotheken droht

Berlin - Die Apothekerin und ihre sportlichste PTA stehen zusammen in der Altpapiertonne und treten den mannshohen Pappaufsteller klein. Schon wieder ist die Tonne voll, dabei gäbe es noch drei Kisten mit gesammelten Flyern und Postern zu entsorgen, die sich binnen Wochenfrist angesammelt haben. Weil die Apotheken immer mehr Werbematerialien wegschmeißen, droht ihnen jetzt sogar eine Müllsteuer.

 

Natürlich trauen die Patienten dem Rat ihres Apothekers mehr als den Werbebotschaften in den Fernsehspots. Kompetent und glaubwürdig. Eine Produktempfehlung in der Offizin ist für jeden Hersteller Gold wert. Also müssen die Teams in der Apotheke und ihre Kunden möglichst effektiv auf eigene Produkte aufmerksam gemacht werden. Also schickt jeder sein Material, seine HV-Aufsteller, Störer für die Sichtwahl, Plakate fürs Fenster oder Bodenaufsteller für irgendwo mitten in den Verkaufsraum.

Nett gemeint, aber viel zu viel. Würden die Inhaber oder eine dafür eigens abgestellte Fachkraft sich tatsächlich alles vorher genau ansehen, sie kämen zu nichts anderem mehr. Also landet ein Gutteil ungesehen im Müll. Das wissen auch die Hersteller – und reagieren darauf: Wenn die Hälfte weggeschmissen wird, muss man eben doppelt so viel schicken. Ein Teufelskreis.

Und eine einzige Umweltsünde. Hochwertig bedrucktes Papier, Pappfiguren aus glücklichen Bäumen, Aufkleber, Plastik, Dekorations-Tinnef – alles muss vernichtet werden. Eine grüne Gemeinde in Baden-Württemberg testet daher jetzt die „Apothekentonnen“. Wenn schon Abfall, dann wenigstens sortiert. Für jedes Werbemittel soll es eine eigene Tonne geben, um sie in den Werbekreislauf zurückzuführen.

Die Gebühren für die Spezialentsorgung sollen sich im üblichen Rahmen bewegen. Doch Vorsicht: Wer seine Pappaufsteller wie oben berichtet weiter in die Papiertonne tritt, kann empfindlich bestraft werden. Also, meine Damen, raus aus der Tonne und schön sortieren, sonst gibt es eine Strafsteuer!

Die Hersteller sind sogar aufgeschlossen. Sie rechnen damit, dass die Apotheken so mehr Infomaterial und Pröbchen verteilen und das ganze Zeug da landet, wo es hingehört: In den Mülleimern der Privathaushalte.

Aber im Ernst: Bei einer Umfrage von APOSCOPE gab gut die Hälfte der Teilnehmer an, dass mehr als 60 Prozent der Werbematerialien in ihrer Apotheke ungenutzt in den Müll wandert. Welche Dinge in der Offizin noch am besten ankommen, zeigt die OTC-Marktanalyse 2017: So tickt das Apothekenteam. Für die Hersteller dürfte allerdings noch spannender sein, wie gut ihr Ruf insgesamt in den Apotheken ist und ob was der Außendienst des Mitbewerbers vielleicht besser macht. Und das sind die 50 größten OTC-Hersteller.

Was die Versandapotheken besser machen könnten, ist relativ einfach. Sie könnten ihre Päckchen so verschicken, dass die nicht nur bei mildem Klima unversehrt den Kunden erreichen. Stand heute friert der Saft im Winter ein und die Kapseln schmelzen im Sommer. Apotheker Christopher Kreiss hat DocMorris und im Anschluss weitere Versender getestet. Jetzt ist aus seiner Sicht die Aufsicht am Zug. Und die Politik.

Aber die kümmert sich im Moment um sich selbst. Da werden eifrig Plakate aufgehängt und lokal Mehrheiten organisiert. Einer, der womöglich um seinen warmen Platz im Bundestag bangen muss, ist Karl Lauterbach. Der SPD-Mann hat deswegen einen Tunnel-Deal geschlossen, um das ersehnte Direktmandat zu verteidigen. Die Freien Apotheker trommeln derweil gegen SPD, Grüne und FDP – als kleiner Verein kann man sich so eine Parteilichkeit wohl erlauben.

Um Zustimmung kämpft auch die Stada. Der Generikakonzern will sich unbedingt übernehmen lassen. Damit dieser Tunnel-Deal doch noch gelingt, geben jetzt alle alles. Erst warb Konzernchef Willink bei den Aktionären dafür, das Angebot von Bain und Cinven anzunehmen. Jetzt legt Stada-Apotheker Meyer mit einem dramatischen Appell nach. Und er gehört quasi zur Familie. Am 16. August wissen wir alle mehr.

Ebenfalls angeblich vor dem Verkauf steht Sidroga/Emser – aber das sind noch Gerüchte. Fakt ist dagegen, dass Markus Eckermann nicht mehr Geschäftsführer bei AEP ist. Der Mitgründer will sich neu orientieren. Kann ja nicht jeder 40 Jahre im selben Betrieb arbeiten, wie diese treue PTA. Manchmal geht das aber auch gar nicht, weil die Apotheke verschimmelt ist.

Aber trotzdem: 40 Jahre! In so vielen Jahren am HV-Tisch hat man bestimmt schon fast alles erlebt, aber eben nur fast. Denn die Kassen sind weiterhin sehr erfinderisch bei Retaxationen. Ohne Witz: Eine Kasse hielt es für überwiegend wahrscheinlich, dass die Ärztin „eine Ampullen“ eines Sechsfachimpfstoffs verordnet haben soll. Wie kommt man an solche Drogen? Wenn Sie der Retaxstelle mal einen netten Gruß schicken wollen...

Trotzdem lohnt es sich noch immer, Pharmazie zu studieren, und nicht abzubrechen. Denn immerhin ist man danach cooler als ein Arzt. Auch wenn sich diese unter der Woche mit Pappkameraden gegen Stationsapotheker wehrten. Hat da jemand Angst, kontrolliert zu werden? Egal ob Arzt oder Apotheker, es gibt – Ohrwurm hin, Ohrwurm her – ein paar Songs, die man in Gegenwart des Patienten mit dieser oder jener Diagnose keinesfalls anstimmen sollte. Bitte beherzigen Sie das! Dafür schenke ich Ihnen auch einen Ohrwurm: Mana Mana. Schönes Wochenende!

 

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